Angelika Miller hat im Rahmen von Congress Bundestag Youth Exchange ein Jahr in Amerika verbracht.
Datum: 09.09.2011
Hier ihr Erfahrensbericht:
Bereits der berühmte Walt Disney, einer der bedeutendsten Filmproduzenten des 20. Jahrhunderts, betonte während seiner gesamten Karriere die Rolle der Träume auf dem Weg zur menschlichen Selbstverwirklichung. Durch sein eigenes Beispiel machte er nicht nur der Traumfabrik Hollywood, sondern der gesamten Welt deutlich, dass man mit der nötigen Mischung aus Fantasie, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Disziplin über das richtige Rezept verfügt, um scheinbar utopische und zunächst als unerreichbar geltende Ideen in handfeste Wirklichkeit umzusetzen.
Auch ich hatte einen Traum. Seit meinem zwölften Lebensjahr wollte ich die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit meinen eigenen Augen entdecken und die dortigen Wertvorstellungen wie Freiheit, Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Konfessionen persönlich erleben. Aufgrund der finanziellen Situation meines Elternhauses schien dieser Traum zunächst in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. Jedoch konnte und wollte ich mich mit dieser Situation nicht abfinden und habe konzentriert und zielgerichtet nach weiteren Möglichkeiten zur Verwirklichung des langersehnten Traums gesucht. Als eine der wenigen Alternativen bot sich zunächst ein staatliches Stipendium an, das sogenannte Parlamentarische Patenschaftsprogramm (PPP), das ich mir etwas genauer anschauen wollte. Das vom Deutschen Bundestag ins Leben gerufene Programm existiert seit bereits 28 Jahren und dient der Verbesserung der deutsch-amerikanischen Beziehungen, indem es Jugendliche fördert und finanziell unterstützt, die in die Vereinigten Staaten reisen, um dort als Repräsentanten unseres Landes aufzutreten und die Menschen in Amerika über deutsche Kultur, Tradition und andere Werte aufzuklären. Das Bewerbungsverfahren fand in allen Wahlkreisen deutschlandweit gleichzeitig statt und beinhaltete einen Vorstellungsbericht und mehrere Interviews mit den Vertretern der Organisation und dem jeweiligen Wahlkreisabgeordneten. Im Februar 2010 bekam ich schließlich die erfreuliche Nachricht, für das Bundestagsstipendium nominiert worden zu sein, was mich meinem scheinbar unerreichbaren Ziel einen entscheidenden Schritt näher brachte. Noch vor meiner Abreise wurden mir von der Organisation meine Gastfamilie und der entsprechende Aufenthaltsort in Amerika mitgeteilt.
Im August 2010 ging es dann schließlich nach South Milwaukee (Bundesstaat Wisconsin) zu der Familie Paulson, die aus vier Mitgliedern besteht. Meine Gastmutter, Carol Paulson, ist 53 Jahre alt und ist Schneiderin vom Beruf. Mein Gastvater, Scott Paulson, der ebenfalls 53 Jahre alt ist, ist als örtlicher Finanzbeamter beschäftigt und erledigt darüber hinaus die meisten Arbeiten im Haushalt. Die beiden Elternteile gehen außerdem einem gemeinsamen Hobby nach. Dabei stellen sie traditionelle amerikanischen Kleidung aus der Bürgerkriegszeit her und verkaufen sie während des „Civil War Reenactment“, eines an die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs erinnernden Stadtfestes. Anzumerken ist hierbei, dass ich ebenfalls an den entsprechenden Feierlichkeiten teilnehmen durfte und deshalb von meinen Gasteltern zeitgemäß eingekleidet wurde, um einen entscheidenden Teil der amerikanischen Geschichte hautnah erleben zu können. Meine beiden Gastbrüder hießen Sean und Rhys. Sean, der 22 Jahre alt ist, leidet unter Autismus und ist im Alltag oft auf fremde Hilfe angewiesen. Der Umgang mit Seans Behinderung war für mich eine sehr lehrreiche Erfahrung und erweckte mein Interesse, auch beruflich mit behinderten oder benachteiligten Menschen zu arbeiten. Rhys, 19 Jahre alt, studiert Mathematik und Physik am College von Madison. Die Zeit mit meinen Gastbrüdern habe ich sehr genossen, insbesondere die Fahrradausflüge entlang des dortigen Lake Michigan.
Eines der prägendsten Erlebnisse während meines USA-Aufenthaltes war die Mitgliedschaft an der South Milwaukee High School. Das Fächerangebot an meiner Schule war sehr vielseitig. So wurden zum Beispiel auch Unterrichtsinhalte vermittelt, zu welchen es in Deutschland keine Alternative gibt. Dazu gehörten beispielweise Psychologie, Soziologie, Nähen, Kochen, Fotografie, Power Lifting (Kurs für Sporternährung), Nursing Class (Krankenschwester-Kurs) sowie ein Kurs für werdende Eltern. Dabei wurde die Fächerauswahl von den Schülern frei und je nach Interessensschwerpunkt individuell vorgenommen, wodurch man sich eine gezielte Vorbereitung auf das zukünftige Berufsleben erleichterte. Eine weitere beeindruckende Erfahrung im schulischen Leben war der sogenannte „High School Spirit“. Dieser machte sich insbesondere bei sportlichen Wettbewerben und Turnieren bemerkbar, weil nahezu alle Schüler die schuleigene Mannschaft unterstützten und anfeuerten. Auch ich war Mitglied des Leichtathletikvereins, in dem ich sehr gut empfangen und tatkräftig unterstützt wurde. Durch das gemeinsame Training und die mit den Teamangehörigen verbrachte Zeit sind zahlreiche Freundschaften entstanden, die ich bis heute aufrechterhalte. Auffallend war hierbei das Verhältnis zwischen den Lehrern bzw. Trainern und den Schülern. Nicht selten traf man sich auch außerhalb der Unterrichts- und Trainingszeit, um bestimmte Probleme oder Ereignisse, aber auch private Themen zu besprechen. Die in den Vereinigten Staaten erfahrene Hilfsbereitschaft, Toleranz sowie Gastfreundschaft hinterließen bei mir einen besonders starken Eindruck und bestätigten meine früheren Ideale und Vorstellungen von einem freundlichen und weltoffenen Amerika. Das gesamte amerikanische Umfeld löste auch bei mir persönliche Veränderungen aus. So stellte ich mit der Zeit fest, dass ich viel offener, zugänglicher und entschlossener in Bezug auf meine Mitmenschen oder bestimmte Aktivitäten wurde. Viele Dinge, die ich mir in Deutschland nicht zugetraut hätte, stellten für mich in den USA eine neue Herausforderung dar, die ich unbedingt bewältigen wollte und auch konnte. Wesentliche Bestandteile meiner Entwicklung waren persönliche Reife, ein gestiegenes Selbstbewusstsein sowie neue Erkenntnisse hinsichtlich anderer Kulturen, Mentalitäten und Traditionen. Der zehnmonatige Aufenthalt bereicherte auch meinen Freundes- und Bekanntenkreis sehr. Insgesamt wurde ich von den Menschen in Amerika sehr warm aufgenommen, was auch mir das Zugehen auf andere Jugendliche oder Erwachsene erleichterte. Dabei lernte ich nicht nur Einheimische kennen, sondern knüpfte auch Kontakte zu anderen Austauschschülern, die aus allen Teilen der Welt stammten. Durch das freundliche und offene Umfeld verbesserten sich meine Englischkenntnisse erheblich, was eines der bedeutendsten Ziele meines Auslandsaufenthaltes erfüllte. Durch die zahlreichen Gespräche mit anderen Menschen versuchte ich ebenfalls meiner Funktion als Repräsentantin der Bundesrepublik Deutschland gerecht zu werden, in dem ich im Rahmen eines Schulreferates über mein Heimatland und seine Menschen berichtete.
Die Zeit, die ich in den Vereinigten Staaten verbrachte, verstärkte meinen Wunsch, neben USA auch weitere Länder zu bereisen, neue Völker und Kulturen kennenzulernen, ihre Geschichte mit unserer Geschichte zu vergleichen und dabei positive Werte und Errungenschaften aufzugreifen, um auf diesem Wege herrschende Vorurteile und falsche Klischees aus der Welt zu schaffen. Ich werde mich auch weiterhin bemühen, Beziehungen zu meinen amerikanischen Freunden aufrechtzuerhalten und zu pflegen, weil diese Menschen mich in einer entscheidenden Phase meines Lebens begleitet, mich tatkräftig unterstützt und insgesamt einen enormen Beitrag zu meiner persönlichen Entwicklung geleistet haben.
Die für Deutschland sehr schmerzhaften Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges machen solche internationalen Austauschprogramme notwendig, weil die Bundesrepublik nur auf diesem Wege vom veralteten Stempel eines fremdenfeindlichen und rassistischen Landes befreit werden kann. Durch den interkulturellen Dialog können wir uns als ein modernes und liberales Land präsentieren, das solche Werte wie Demokratie, Freiheit und Toleranz nicht nur in seinen Verfassungstext aufgenommen hat, sondern diese auch tatsächlich verkörpert und umsetzt, in dem es anderen Kulturen und Konfessionen aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit begegnet.




