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„Ingenieurpromotion: Stärken und Qualitätssicherung”


Datum: 24.05.2011

Meine Rede anlässlich des Symposiums„Ingenieurpromotion: Stärken und Qualitätssicherung“ der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech  am 24. Mai 2011 in Berlin

 

Sehr geehrter Herr Professor Hüttl,

sehr geehrte Preisträger und Preisträgerinnen,

sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich sehr, heute anlässlich des acatech Symposiums „Ingenieurpromotion: Stärken und Qualitätssicherung“ ein Grußwort an Sie zu richten.

I.

Ein entscheidender Faktor für Erfolg oder Misserfolg im verschärften Wettbewerb der Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts ist die Verfügbarkeit hoch qualifizierter Arbeitskräfte. Als rohstoffarmes Land ist Deutschland besonders auf die Kompetenz und Kreativität seiner Beschäftigten angewiesen. Eine Innovationspolitik, die den Herausforderungen des globalen Wettbewerbs gerecht werden will, muss der Erneuerung und Förderung von Bildung und Ausbildung hohe Priorität beimessen.

Die drängenden nationalen und internationalen Herausforderungen verlangen nach kreativen Köpfen. Ingenieurinnen und Ingenieuren kommt hierbei eine besondere Rolle zu: sie sind ein wichtiger Motor für Innovationen, die wirtschaftliches Wachstum stärken und Beschäftigung schaffen. Der Ingenieurberuf bietet darüber hinaus eine große Bandbreite an Beschäftigungsmöglichkeiten mit vielfältigen Karriereoptionen. Die jungen Menschen in Deutschland haben dies wieder vermehrt erkannt und bei der Wahl ihres Studienfachs berücksichtigt. Verzeichneten wir noch im Jahr 2006 einen Rückgang der Studienanfängerzahlen in den Ingenieurwissenschaften um 4,4 % auf 80.680 gegenüber 2005, so lassen die steigenden Zahlen der jüngeren Vergangenheit wieder hoffen. So meldet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden (vgl. dpa Nr. 12/2011 vom 21. März 2011), dass sich an den deutschen Hochschulen im Studienjahr 2010 mit einem Plus von 8,2 % oder 93.200 deutlich mehr Erstsemester für ein Ingenieurstudium eingeschrieben als im Vorjahr. Dieser positive Trend wird uns helfen, dem drohenden Fachkräftemangel der kommenden Jahre und Jahrzehnte erfolgreich entgegenwirken zu können. Nachwuchskräfte von heute - so wie Sie liebe Preisträger und Preisträgerinnen - stellen sich diesen Herausforderungen mit ihren Begabungen. Sie sind kreativ, vielfältig und erfolgreich.

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist für das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein wichtiger Teil der Forschungsförderung. Deutlich wird dies auch an dem kontinuierlich angewachsenem Etat für Bildung und Forschung. Dieses Jahr gibt das BMBF knapp 3,2 Milliarden Euro für die Hochschulen und für die Studierenden aus. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 waren dies weniger als 1,1 Milliarden Euro. Bis 2015 sollen zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung, Forschung und Entwicklung fließen.

Die Bundesregierung bekennt sich dazu, der Freiheit der Forschung ihren Raum zu sichern. Zu dieser Freiheit gehört jedoch auch Verantwortung für Forschung, d.h. die komplexen Zusammenhänge zwischen Forschung und gesellschaftlicher Rückkoppelung müssen immer im Blick bleiben. Häufig ist die öffentliche Diskussion über die Chancen und Grenzen von Wissenschaft und Forschung emotional geprägt. Diese Emotionalität nimmt zu, je komplexer die Fragestellungen sind und je schwerer es ist, sich von den zugrunde liegenden Technologien und Prozessen eine Vorstellung zu machen. Nehmen Sie als Beispiel nur die aktuelle Diskussion über die Atomkraftwerke.

Genauso wichtig wie die grundlegende Förderung von Forschung selbst ist es daher, die gesellschaftliche Kommunikation über Forschung und die Akzeptanz von Forschung zu fördern. Insbesondere öffentlich finanzierte Forschung muss sich ein Stück weit auch legitimieren und hat insofern auch eine besondere Pflicht, den öffentlichen Diskurs über die gesellschaftliche Bedeutung von Forschung und die gesellschaftlichen und ethischen Folgen von Forschung verantwortlich mit zu gestalten.

Dies ist dann ein besonders diffiziles Problem, wenn Innovation im Bereich der Wissenschaft sehr viel früher erfolgt und oft auch erfolgen muss als der dazu notwendige öffentliche Diskurs gestaltbar ist. Hier sind Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gemeinsam gefordert, aber auch eine in hohem Maße fachkundige und verantwortlich handelnde Presse. Nur wo Verantwortung für Forschung in diesem Sinne von vielen in der Gesellschaft und der Wissenschaft gelebt wird, stellt sich auch dauerhaft Vertrauen ein gegenüber neuen Techniken und Anwendungs-verfahren, wie auch gegenüber den politischen Akteuren.

Deutschland braucht hervorragende Nachwuchskräfte, die forschen und sich zugleich für gesellschaftlichen und technologischen Fortschritt engagieren. Sie als heutige Preisträger haben gezeigt, dass sie nicht nur leistungsbereit sind, sondern auch Verantwortung übernehmen und die Zukunft aktiv mitgestalten können und wollen. Wir brauchen engagierte und zugleich weltoffene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Forscherinnen und Forscher, wie Sie es sind.

Dabei ist zu beobachten, dass es erfreulicherweise immer mehr Frauen gelingt ein erfolgreicher Einstieg in die Wissenschaft: Fast jede zweite Dissertation wird heute von einer Frau geschrieben. Danach jedoch gibt es jedoch nach wie vor einen Bruch. In Deutschland entscheiden sich zu viele begabte und hochqualifizierte Frauen gegen eine weitere wissenschaftliche Karriere und steigen nach Abschluss ihrer Promotion aus dem Wissenschaftssystem aus. Nur jede vierte Habilitationsschrift wird von einer Frau verfasst. Entsprechend gering ist der Frauenanteil bei den Professuren: Nur jede sechste Professur insgesamt ist mit einer Frau besetzt, bei den C4/W3-Professuren ist es nur jede neunte. Und in den außeruniversitären Forschungsein-richtungen liegt der Anteil von Frauen in Leitungspositionen bei knapp 10 Prozent.

Optional: Diese Zahlen bedeuten vor allem eines: Wir nutzen die Exzellenz von Frauen für Wissenschaft und Forschung zu wenig. Es geht dabei nicht nur um die notwendige Chancengerechtigkeit und angemessene Teilhabe von Frauen; es geht auch um das enorme Potential von Frauen für Forschung und Innovation, das wir im mit Blick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutlich stärker nutzen wollen und nutzen müssen.

Daher gilt nach wie vor: Wir müssen spezifische strukturelle Karriere- und Motivationshemmnisse für Wissenschaftlerinnen auch im Bereich der Ingenieurwissenschaften weiter abbauen. Dasselbe gilt im Übrigen für viele andere Bereiche des öffentlichen Lebens, aber auch für leitende Postionen in Unternehmen.

Optional: Ich erwähne dies auch vor dem Hintergrund, dass wir vor einem Generationswechsel an den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen stehen: Fast die Hälfte der Wissenschaft-lerinnen und Wissenschaftler erreicht in den nächsten Jahren das Ruhestandsalter. Diesen Generationswechsel müssen wir nutzen — um wichtige Strukturveränderungen durchzusetzen und auch den Anteil von Frauen in wissenschaftlichen Spitzenpositionen zu erhöhen.

II.

Lassen mich nun ein paar Beispiele nennen, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit Jahren zur substantiellen Gestaltung einer hoch leistungsfähigen Forschungsinfrastruktur als zentraler Voraussetzung für Nachwuchsförderung maßgeblich beiträgt.

·         mit dem Pakt für Forschung und Innovation, der den großen Forschungs- und Wissenschaftsorganisationen ab 2011 jedes Jahr einen Mittelzuwachs von mindestens 3% garantiert

·         mit der Exzellenzinitiative, durch die bisher insgesamt 39 Graduiertenschulen mit durchschnittlich rund einer Mio. € pro Jahr und Schule gefördert werden.

·         mit dem Hochschulpakt, mit dem sichergestellt wird, dass bis 2015 insgesamt über 275.000 zusätzliche Studienanfänger und Studienanfängerinnen aufgenommen werden können.

·          mit dem Qualitätspakt Lehre, mit dem die Voraussetzungen für eine qualifizierte Nachwuchsförderung, nämlich ein qualitativ hochwertiges Studium, gefördert werden soll.

Darüber hinaus hat die Bundesregierung für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchs im engeren Sinne

·         die Mittel für Begabtenförderung erhöht (von 30,6 Mio. Euro im Jahr 2005 auf voraussichtlich 50,67 Mio. Euro für das Jahr 2010)

·         die Mittel für Promotionsstipendien erhöht (auf 1050 Euro pro Monat)

·         das Programm „Zeit gegen Geld“ aufgelegt, das die Vereinbarkeit von Familie und Karriere erleichtern soll,

·         das Wissenschaftszeitvertragsgesetz um eine familien-politische Komponente ergänzt,

·         die personengebundene Förderung von Wissenschaftlichem Nachwuchs durch Forschungs- und Förderorganisationen im Kontext der dritten Säule der Bologna-Reform (Graduiertenkollegs und –schulen) nachhaltig befördert

·         Nachwuchsgruppen und Nachwuchsförderung in wichtigen Zukunftstechnologien (Lebenswissenschaften Gesundheitsforschung, Programm Biofuture) sowie in der Empirische Bildungsforschung etabliert

·         gemeinsam mit den Ländern international hochkarätige Zukunftsprojekte wie das Nationale Bildungspanel etabliert, das Nachwuchsförderung an der vordersten Front von hochkarätiger interdisziplinär angelegter Längsschnittforschung ermöglicht.

·         Die Programme PHD-Net als Fortführung des Programms Promotion an Hochschulen in Deutschland sowie das Programm „International Promovieren“ aufgelegt, dass im Jahr 2010 sehr erfolgreich gestartet ist.

·         Mit der Schaffung der Alexander von Humboldt-Professur und dem Professorinnen-Programm zur Förderung von Spitzenwissenschaftler-Innen attraktive Perspektiven für hochqualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs geschaffen.

·         Die ebenfalls BMBF-finanzierte Internet- Plattform KISSWIN hat das Ziel Transparenz in den zuweilen unübersichtlichen Markt der Angebote für Nachwuchswissenschaftler zu bringen.

·         Schließlich: Wir werden die Berichterstattung und empirische Forschung über Wissenschaftlichen Nachwuchs als zentrale Voraussetzung für empirisch fundierte und zielgerichtete Reformstrategien intensivieren.

Für die Bundesregierung wird das Thema Wissenschaftlicher Nachwuchs weiterhin ein zentrales Thema auf der politischen Agenda bleiben – wissend, dass es ein Querschnittsthema ist, das integrierter Bestandteil aller großen Förderprogramme sein muss und zugleich wissend, dass es ein Thema ist, das in besonders hohem Maße der Kooperation aller Verantwortlichen unserem Land bedarf. In diesem Sinne sind Anregungen, Angebote und Beiträge stets willkommen

II.

Zur Promotion in den Ingenieurwissenschaften

Das typische Modell des Erwerbs eines Doktorgrades in den Ingenieurwissenschaften in Deutschland sieht für die Promotion eine berufliche Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter auf einer zeitlich befristeten Stelle vor, die aus Landes- oder aus Drittmitteln finanziert wird. Diese Form der Ingenieurpromotion wird vielfach auch als „Assistenz-Promotion“ oder auch „Meister-Schüler-Modell“ bezeichnet. Zentrale Merkmale sind dabei insbesondere folgende:

·         In den Ingenieurwissenschaften wird bei der Assistenzpromotion viel Wert darauf gelegt, dass sich die Promovenden selbst das Thema suchen. Die Findungsphase dauert i. d. R ein Jahr.

·         Zudem müssen die Promovenden in Forschungsvorhaben vielfach eng mit der Industrie kooperieren.

·         Neben der Forschungsarbeit gehören Projekt-und Finanz-management, Teamwork, Mitarbeit am Lehrstuhl (Verwaltung) und die Mitwirkung in der Lehre (bei Praktika, Übungen bis hin zu Vorlesungen und der Betreuung von Abschlussarbeiten) zum Tätigkeitsprofil eines Assistenzprofessors.

Da in den Ingenieurwissenschaften Professoren noch in enger Kooperation mit der Industrie berufen werden, bedeutet der Erwerb der Kenntnisse und Fähigkeiten in den vorgenannten Tätigkeitsfeldern eine (im Prinzip durchaus wünschenswerte) Erweiterung des Kompetenzprofils (wie in strukturierten Formen der Promotion ja ebenfalls angestrebt), er ist zugleich als Vorbereitung auf eine Tätigkeit in der Wirtschaft zu werten, denn Personalführung/-management und kommunikative Fähigkeiten werden mit geschult.

Allerdings dauert eine Assistenzpromotion in der Regel 4 bis 5 Jahre und damit länger als die Modelle der strukturierten Promotion. In welchem Maße die längere Promotionsdauer in den Ingenieurwissenschaften tatsächlich einen deutlichen Mehrwert sowohl im Hinblick auf die Qualität des mit der Promotion verbundenen Kompetenzprofils darstellt und in welchem Maße sich die längere Dauer im weiteren individuellen Karriereverlauf wie im Hinblick auf Unternehmensrendite „auszahlt“, ist bis heute empirisch nicht valide belegt- insbesondere nicht vergleichend im Hinblick auf unterschiedliche Promotionsmodelle.

Bologna-Prozess und Promotion in den Ingenieurwissenschaften

Im Rahmen des Bologna-Prozesses und dem Bestreben, die Promotionsverfahren generell zu verbessern und zu einer generellen Qualitätssicherung der Promotionen zu kommen, gab es in letzter Zeit viele Überlegungen. Dabei standen folgende Fragen im Mittelpunkt:

·       Müssen die Wege zur Promotion verändert werden?

·       Was leistet die Promotionsphase für Promovierende?

·       Welche Kompetenzen werden ausgebildet?

·       Welche Auswirkungen auf die weitere berufliche Karriere hat die Promotion?

Ich denke, hierzu haben die acatech-Empfehlungen vom September 2008 (vgl. Anl. 3 Seite 10 bis 12 zu den Schwerpunkten: Promotionsziel: Eigene Forschungsleistung, Promotionsziel: Erwerb außerfachlicher Qualifikationen, Zulassung, Auswahl von Promotionskandidaten nach Exellenzkriterien, Struktur, Vereinbarung zwischen Doktorand und Betreuer, Promotionsdauer, Der Beitrag zur Lehre, Bezug zur industriellen Praxis Internationalisierung, Gezielte Förderung von Frauen sowie Gradbezeichnung) einen wichtigen Beitrag geleistet.

Die 12 Empfehlungen zeigen sehr deutlich Wege auf, wie die Zukunft der Ingenieurpromotion eine weitere Verbesserung und Stärkung der Promotion in den Ingenieurwissenschaften an Universitäten in Deutschland aussehen kann und damit auch im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe erfolgreich zu sein.

III.

Auf dieser Grundlage wurden im Rahmen eines Wettbewerbes 28 Best-Practice-Vorschläge sowie neue Konzepte eingereicht. Das Ergebnis  lässt sich sehen. Mit großem Interesse habe ich mir im Vorfeld der heutigen Veranstaltung die inhaltliche Schwerpunkte der zur Auszeichnung anstehenden Projekte ansehen. Ohne der Preisverleihung im Einzelnen vorzugreifen sind nach meiner Einschätzung mit solchen Themenfeldern wie zum Beispiel:

·       Einführung von hohen Betreuungsstandards,

·       Familienfreundliche Promotionsbedingungen schaffen,

·       Dual promovieren,

·       Kooperationen zwischen Universitäten und Fachhochschulen zu verbessern,

·       Benchmark, bezogen auf die nationale und internationale Promotionslandschaft für alle Doktoranden eine Universität einzuführen

Genau die Themenfelder bearbeitet worden auf die es in der Zukunft ankommen wird, um im Bereich der Ingenieurpromotionen die Qualität zu stärken.

IV.

Zum Abschluss möchte ich allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen an diesem Wett bewerb und insbesondere den heutigen Preisträgern meine Anerkennung für Ihre zukunftsorientierten Arbeiten mit herausragenden Leistungen aussprechen. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und das notwendige Quäntchen in ihrer Arbeit Glück!

Danke für ihre Aufmerksamkeit.