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Meine Rede anlässlich des 25jährigen Bestehens des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung


Datum: 04.12.2009

"Sehr geehrte Damen und Herren,

für Ihre Einladung bedanke ich mich und gratuliere sehr herzlich zum 25jährigen Jubiläum Ihres Instituts und vor allem zu den damit verbundenen wissenschaftlichen Erfolgen.

Wer also dieser Tage 25 Jahre jung wird, hat bereits viel erlebt: Umbrüche, die sofort als solche erkennbar waren; aber auch Einschnitte, deren wahre Bedeutung sich erst im Rückblick zeigt. Schweifen wir kurz einmal ab. Welche gesellschaftlichen Umbrüche zeichnen die Biographie derer aus, die dieser Tage ihren 25. Geburtstag feiern?

1989/90, als Sie fünf Jahre alt waren, vollzog sich ein historischer Einschnitt. Die mit der Wiedervereinigung verwobenen gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland und Europa haben die Agenda der Forschung und den Bedarf an Erkenntnissen der Gesellschaftsforschung massiv verändert.

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre kamen die heute 25jährigen in die Pubertät. An der wohl wichtigsten Innovation nahmen sie bald aktiv teil. Sie wurden zu „digital natives“, zur ersten Generation, die mit dem Internet aufwuchs und es in den Alltag integrierte. Der Forschung stellten sich fortan völlig neue Fragen der Regulierung und Steuerung. Tradierte Steuerungsinstrumente verloren an Bedeutung.

Als Sie sich dem Erwachsenenalter näherten, erlebten sie den 11. September 2001. Zu seinen Folgen zählte der erste ökonomische Einbruch ihres Lebens wie auch ein gewachsenes Interesse an Religionen in säkularisierten Gesellschaften.

Schließlich die Gegenwart mit der Erfahrung einer tiefen, bis vor gut einem Jahr für unmöglich gehaltenen Wirtschaftskrise. Fragen der Regulierung und Steuerung stehen heute mehr denn je im Zentrum politischer Diskurse.

Die Bedeutung der Gesellschaftsforschung für die Politik ist also offenkundig gewachsen. Das gilt für technologische Entwicklungen und den Klimawandel, aber auch für ökonomische und ethische Fragen. Dieser Bedeutungszuwachs gilt ganz besonders für das Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen und Modernisierungsprozesse. Auch Politik findet in sich verändernden Gesellschaften statt. Diese Veränderungen verlangen neue politische Antworten und Orientierungen. Ich bin sicher: Damit wird die Gesellschaftsforschung auch weiterhin an Bedeutung gewinnen.

Hiermit verbunden sind jeweils große und neue Herausforderungen für die Gesellschaftsforschung selbst, aber auch für deren Förderer. Wie Sie wissen, fördert das BMBF die Sozialwissenschaften in kleinerem Umfang direkt, aber auch umfangreich in verschiedenen Fachprogrammen. Hierzu zählen beispielsweise die Bildungsforschung, die Sicherheitsforschung und die Begleitforschung zu diversen Technologiefeldern. Als bedeutende Maßnahmen der Projektförderung sind insbesondere Projekte zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zu nennen. Dazu zählen der Aufbau von Forschungsdatenzentren, Projekte über methodische Innovationen und internationale Datenbasen, wie etwa SHARE. Kleinere, eher thematisch orientierte Fördermaßnahmen gelten der Analyse der dynamischen Veränderungen im Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft sowie der vergleichenden Analyse gesellschaftlicher Integrations- und Desintegrationsprozesse. Die eher langfristig angelegte sozialwissenschaftliche Forschung hat ihren Ort in einigen institutionell geförderten Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft.

Aktuell erarbeitet das BMBF ein Rahmenprogramm für die Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften. Dabei verfolgen wir drei Ziele:

Erstens liegt uns daran, den Beitrag und die Kompetenz dieser Fächer zur Bewältigung großer politischer und gesellschaftlicher Herausforderungen zu steigern. Dazu ist eine verlässliche Forschungsförderung notwendig. Der Koalitionsvertrag vom Oktober 2009 bekennt sich dazu. Zu diesen großen Herausforderungen zählen die demographische Entwicklung, die zunehmende Migration, zunehmende transnationale Verflechtungen, ‚Krisen’ des Wohlfahrtsstaates und auch neue Formen von „Governance“.

Zweitens sollen aus dem Rahmenprogramm Beiträge zur Gestaltung von Innovationsprozessen erwachsen. Wir müssen den nicht-technischen – also den kulturellen und sozialen – Bedingungen und Ressourcen von Innovationen noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Damit können andere, stärker auf technische Innovationen ausgerichtete Fachprogramme des BMBF sinnvoll ergänzt werden.

Drittens soll das Programm auch künftig dauerhafte Strukturverbesserungen in den Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften initiieren. Nur so werden Stärkung und Profilierung dieser Gebiete im internationalen Wettbewerb gelingen.

Das Programm wird so angelegt, dass die drei Gebiete der Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften gemeinsam zur Lösung gesellschaftlicher Fragestellungen beitragen. Auf diese Weise sollen sowohl Beiträge zu sozialen Innovationen erzielt als auch inhaltliche und methodische Fortschritte in den beteiligten Disziplinen erreicht werden.

Das künftige Rahmenprogramm des BMBF reagiert somit auf einen starken Trend. Zunehmend verändert sich das Gesicht zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen. Wir können sicher sein: In 50 Jahren werden viele Fächer ganz anders zugeschnitten sein als dies heute der Fall ist. Wer sich dem beständig wandelnden Verständnis von Gesellschaft und Ökonomie und der Erforschung beider verweigert, wird sich auf längere Sicht nicht oder nur unzulänglich im internationalen wissenschaftlichen Diskurs behaupten. Diese Entwicklung spricht für ein integriertes Programm der Forschungsförderung, das tradierte Grenzen zwischen den Gebieten überwindet, um Beiträge zu gesellschaftlichen Diskursen aus vielen wissenschaftlichen Fachgebieten zusammenzuführen und aus ihnen Konsequenzen zu ziehen.

Zu den sich hieraus ergebenden Herausforderungen leistet das MPI für Gesellschaftsforschung einen wesentlichen Beitrag. Zwei Aktivitäten seien hierfür exemplarisch genannt:

Erstens, die deutsch-deutsche Transformationsforschung. Häufig bestand der Eindruck, das westdeutsche Vorbild sei den neuen Bundesländern einfach übergestülpt worden. Der von Roland Czada und Gerhard Lehmbruch 1998 herausgegebene Band "Transformationspfade in Ostdeutschland" korrigiert diese Vorstellung. Die Herausgeber belegen eindrucksvoll die Vielfalt der Transformationspfade. Wir sehen heute klarer, dass die deutsche Vereinigung mit der Übertragung demokratischer und marktwirtschaftlicher Institutionen der alten Bundesrepublik auf die neuen Bundesländer keineswegs abgeschlossen war. Weitaus komplexer verlief die Neuordnung sektoraler Funktionsbereiche: also Staatsverwaltung, Betriebe, Bildungs- und Forschungsinfrastruktur, soziale Sicherungssysteme. In diesen einzelnen Bereichen verliefen die Transformationsprozesse durchaus unterschiedlich. Es entstanden keineswegs nur Kopien westdeutschen Vorbilder.

Zweitens: Im Januar 2007 haben Ihr Institut und die Universität Köln gemeinsam die International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy gegründet. Es ist das erste Graduiertenprogramm für Wirtschaftssoziologie und politische Ökonomie in Deutschland. Erforscht werden die sozialen und politischen Grundlagen wirtschaftlichen Handelns in modernen Ökonomien. Die Internationalisierung und Nachwuchsförderung sind hierbei besonders begrüßenswert.

Die gesamte Arbeit Ihres Instituts kann jedoch nicht gewürdigt werden, ohne ein Wort über seine Gründungsdirektorin, Frau Prof. Mayntz, und seinen zweiten wissenschaftlichen Direktor, Herrn Prof. Scharpf. Sie haben die Gesellschaftsforschung in Deutschland ganz außerordentlich mitgeprägt und dem MPI für Gesellschaftsforschung zu einem festen Platz in der sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung wie auch zu seinem gewachsenen Renommee verholfen. Unsere Förderung der Wissenschaftsforschung wäre ohne Ihr beständiges Engagement nicht vorstellbar. Dafür bedanken wir uns bei Ihnen ganz herzlich.

Und dass die Förderung richtig platziert ist, bestätigt auch die Bewertung des Wissenschaftsrates. Denn dieser stellte Ihnen in seinem Forschungsrating für die deutsche Soziologie im Frühjahr 2008 ein exzellentes Zeugnis aus, indem er feststellte, dass Ihr Institut als einzige soziologische Forschungseinrichtung in Deutschland in Forschungsqualität, Effizienz und Nachwuchsförderung „exzellent“ sei. Auch zu dieser Bewertung möchte ich Ihnen nachträglich gratulieren.

Nun, was wünscht man jemandem, der – wie das MPI für Gesellschaftsforschung – 25 Jahre alt wird? Er möge gute, erfolgreiche Jahre vor sich haben. Er möge vor allem gut vorbereitet sein auf Umbrüche und Herausforderungen. Er möge seine Leistungsfähigkeit für viele sichtbar unter Beweis stellen. Hoffen wir also gemeinsam, dass viele gute Jahre vor Ihnen liegen. Dem MPI für Gesellschaftsforschung, seiner Leitung sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wünsche ich eine gute und erfolgreiche Zukunft."