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Laudatio für die Preisträger beim Tsunami-Projekt am 11. Mai 2009 im Haus der Deutschen Wirtschaft


Datum: 11.05.2009

Sehr geehrte Damen und Herren

Früher fragten Forscherinnen und Forscher in der Regel nach dem Wie und Warum, um ihrem wissenschaftlichen Erkenntnisdrang nachzugehen.

Heute müssen sie auch Fragen nach dem Was, Wer, Wann und Wo stellen. Dieses gilt umso mehr, je größer und komplexer Forschungsvorhaben angelegt sind. Der Erfolg großer Projekte hängt nicht nur von der Exzellenz der Wissenschaftler ab, sondern ganz wesentlich auch von einem professionellen Projektmanagement.


Dieses ist nicht selbstverständlich. Warum bräuchten wir sonst eine eigene Gesellschaft wie die Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement GPM, die sich dieses Thema und seine Förderung auf die Fahnen geschrieben hat.

Sehr wichtig ist es daher, auf besonders gelungene Beispiele von Projektmanagement aufmerksam zu machen, wie wir es heute tun.

Besonders freut es mich, dass in der Reihe der Roland-Gutsch-Awards auch die Forschung und Entwicklung mit einem großen internationalen Vorhaben wie dem Aufbau des Tsunamifrühwarnsystems in Indonesien einen Platz findet.

Der Aufbau des deutsch-indonesischen Tsunamifrühwarnsystems ist ein Projekt der Bundesregierung im Rahmen des Wiederaufbaus der vom Tsunami betroffenen Region am Indischen Ozean. Die Federführung innerhalb der Bundesregierung hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung übernommen. Unser Partner in Indonesien ist das indonesische Forschungsministerium RISTEK. Zwischen beiden Einrichtungen bestehen seit genau 30 Jahren Kooperationsvereinbarungen im Bereich Wissenschaft und Technik. Diese bilden ein wichtiges Fundament für gute und erfolgreiche Vorhaben.

Das Tsunamifrühwarnsystem baut auf verschiedenen Arten von Messinstrumenten an Land und im Ozean auf, um möglichst wenig Fehlalarme auszulösen. Die Auswertung verschiedener Informationen soll möglichst frühzeitig Hinweise auf einen Tsunami und dessen Ausmaß geben. Für die Südküste der indonesischen Inselkette vergehen von der Entstehung eines Tsunamis bis zum ersten Aufrollen der Welle auf die Festlandküsten etwa 20 bis 40 Minuten. Eine effektive Warnung bei diesen Vorgaben ist ein anspruchsvolles Ziel.

Zu den Sensoren des Tsunamifrühwarnsystems zählen Erdbebenmessstationen, Positionsbestimmungs-Messstationen sog. GPS Stationen, Küstenpegel, GPS-Bojen und Druckmesser auf dem Meeresboden in 6000 Metern Tiefe. Die Daten dieser Messinstrumente werden in Echtzeit über Satellit zu dem neuen Warnzentrum in Jakarta gesendet. Im Falle eines Erdbebens werden sie mit einer Vielzahl von zuvor berechneten Tsunami Simulationen abgeglichen, um eine zuverlässige Tsunami - Warnung oder –Entwarnungen herausgeben zu können.

Über die Funktionsweise des Tsunamifrühwarnsystems konnte ich mich persönlich in Indonesien informieren. Im November 2008 habe ich im Rahmen der offiziellen Inbetriebnahme des Frühwarnsystems gemeinsam mit dem indonesischen Staatspräsidenten Susilo Bambang Yudhoyono den Startknopf gedrückt. Damit begann eine gemeinsame zweijährige Betriebsphase, in der indonesische und deutsche Wissenschaftler die Technologie weiter ausbauen und optimieren. Die endgültige Übergabe des Systems an Indonesien ist für 2010 geplant. Das Tsunamifrühwarnsystem leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass sich die Menschen in Indonesien künftig besser vor Naturkatastrophen schützen können.

Es ist mir eine Ehre heute die Laudatio für die beiden Preisträger zu halten.

Internationale Vorhaben zeichnen sich dadurch aus, dass die Aktivitäten vieler Beteiligter - zum Teil aus verschiedenen Kulturen - mit verschiedenen Sprachen koordiniert werden müssen, um das gemeinsam definierte Ziel zu erreichen.

Der Aufbau des Tsunamifrühwarnsystems erfolgt von deutscher Seite durch ein Konsortium deutscher Forschungseinrichtungen unter der Federführung des Deutschen GeoForschungsZentrums in Potsdam. Daran beteiligt sind das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen, das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, das GKSS Forschungszentrum in Geestacht, die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, das Konsortium Deutsche Meeresforschung und das Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen in Bonn sowie die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn. Diese Einrichtungen stehen für hohe Kompetenz auf ihren jeweiligen Gebieten, die Garant sind für eine erfolgreiche Umsetzung der hohen technischen Vorgaben, die das Tsunamifrühwarnsystem speziell für Indonesien stellt.

Auf indonesischer Seite hat die Agentur für Meteorologie, Klima und Geophysik – BMKG – die Federführung für dieses Projekt übernommen. Am Projekt beteiligt sind u.a. das Staatsministerium für Forschung und Technologie RISTEK, der nationale Dienst für Vermessung und Kartierung, das nationale Technologiezentrum für marine Erkundung, das nationale Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt, das nationale Institut der Wissenschaft und das Sekretariat des Nationalen Koordinierungsrates für Katastrophenmanagement und interne Flüchtlinge.

Stellvertretend für das Engagement dieser Einrichtungen ehren wir heute für ihre hervorragende Leistung im Projektmanagement Frau Dr. Sri Woro Harijono und Herrn Dr. Jörn Lauterjung.

Frau Dr. Sri Woro Harijono ist Ingenieurin für Agrartechnisierung, sie hat einen Masterabschluss in Agrarklimatologie und hat in Atmosphärenwissenschaften promoviert. Sie ist zur Zeit Generaldirektorin des Meteorologischen, Geophysikalischen und Klima-Instituts in Indonesien, in das das Tsunamifrühwarnsystem eingegliedert wurde. Sie ist außerdem Vizepräsidentin der World Meteorological Organisation Regional Association für den Südwestpazifik sowie Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der WMO. Frau Harijono war zuvor Vizeministerin im Staatsministerium für Wissenschaft und Technologie Indonesiens.

Frau Harijono war nach der katastrophalen Flutwelle eine äußerst engagierte Verfechterin des Aufbaus eines eigenständigen Tsunamifrühwarnsystems für Indonesien.

Herr Dr. Jörn Lauterjung ist Physiker und Kristallograph, er hat in Physik promoviert. Zurzeit ist er im Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam Leiter der Sektion Wissenschaftliche Infrastrukturen, Plattformen und Geoengineering sowie Leiter des Zentrums für Tsunamifrühwarnung. Seit der Gründung des GFZ war er als Leiter des wissenschaftlichen Vorstandsstabes verantwortlich für die FuE-Planung, die internationalen Kooperationen und die Öffentlichkeitsarbeit. Er ist Leiter des Projektes zum  Aufbau des deutsch-indonesischen Tsunamifrühwarnsystems. 

Herausforderungen für das Projektmanagement zum Aufbau des Tsunamifrühwarnsystems ergeben sich nicht nur durch die internationale Zusammenarbeit. Auch die Genese des Vorhabens hat dazu beigetragen, dass die Steuerung der Arbeiten große Anforderungen an alle Beteiligte stellt. Um das zu verstehen, möchte ich einen kurzen Einblick in die Geschichte des Projektes geben.

Unmittelbar nach der Tsunamikatastrophe am 26. Dezember 2004 haben deutsche Forschungseinrichtungen unter Federführung des GFZ Anfang Januar 2005 der Bundesregierung ein Konzept zum Aufbau eines Tsunamifrühwarnsystems in Indonesien vorgestellt. Die Bundesregierung hat sich sehr schnell dazu entschieden, aus der zugesagten Wiederaufbauhilfe von 500 Millionen Euro für die vom Tsunamifrühwarnsystem betroffenen Länder Finanzmittel in Höhe von 45 Millionen Euro für das Frühwarnsystem zur Verfügung zu stellen.

Auf internationaler Ebene konnte Deutschland daher sehr schnell Zusagen über diese Hilfsmaßnahmen geben. In der internationalen Gemeinschaft bestand Einigkeit darüber, dass neben der Wiederaufbauhilfe es auch wichtig war, Vorsorge zu treffen, damit solch Naturereignisse zukünftig nicht mehr so hohe Opferzahlen fordern. Die Menschen müssen rechtzeitig durch ein Frühwarnsystem vor Tsunamis gewarnt werden. Denn auch in Zukunft wird es immer wieder Erdbeben geben, die solche Ereignisse auslösen. Daher bestand ein hoher politischer Druck, sehr schnell zu handeln.

Für das Projektmanagement bedeutete das, Phasen wie Projektdefinition, Projektanalyse, Aufbau von Projektstrukturen, Projektdurchführung, die für gewöhnlich nacheinander stattfinden und entscheidend für ein erfolgreiches Projekt sind, zeitlich zusammenzuschieben und parallel mit den Aufbauarbeiten zu beginnen.

Kurz gesagt: Mit den ersten Ideen mussten auch schon die ersten Ergebnisse abgeliefert werden. Schon im November 2005 – knapp ein Jahr nach der Tsunamikatastrophe – konnten die ersten beiden GPS-Bojen vor der Küste Sumatras für einen Testbetrieb ausgebracht werden.

Neben der bilateralen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Indonesien war es auch erforderlich, das Projekt international einzubetten. Dazu gehörte:

1.      erstens ein intensiver Abstimmungsprozess mit Ländern wie den USA, Japan, China und Frankreich, die ebenfalls die vom Tsunami betroffene Region finanziell und zum Teil durch Hilfsleistungen wie z.B. einzelne Sensoren oder Teile eines Warnzentrums unterstützten. Solche Beiträge mussten bei der Konzeption des Frühwarnsystems berücksichtigt werden.

2.      zweitens Kooperationsvereinbarungen mit einer Reihe von Anrainerstaaten des Indischen Ozeans beispielsweise mit Sri Lanka, den Malediven, dem Jemen, Madagaskar, Tansania und Kenia. Hierbei ging es insbesondere darum, das seismische Netz um den Indischen Ozean herum auszubauen. Das ist notwendig, um Erdbeben sehr schnell in ihrer Art zu charakterisieren, sodass eine potenzielle Tsunamigefährdung in den ersten Minuten nach dem Erdbeben möglich wird. Darüber hinaus wurde das vom GFZ entwickelte Auswertungsprogramm für Erdbeben SeisComP3 den jeweiligen nationalen Warnzentren zur Verfügung gestellt, um eine schnelle Erdbebenauswertung in diesen Ländern zu unterstützen.

3.      drittens die Zusammenarbeit mit der UNESCO. Denn die Deutsch-Indonesischen Aktivitäten sind eingebettet in Pläne und Strategien zur Errichtung eines globalen und regionalen Frühwarnsystems der Vereinten Nationen. Die Arbeiten werden unter Koordination der Zwischenstaatlichen Ozeanographischen Kommission (IOC) der UNESCO, bei der es verschiedene Fachgruppen für den Indischen Ozean, für den Nordost Atlantik und das Mittelmeer, sowie für die Karibik und den Pazifischen Ozean gibt, durchgeführt. Diesen Prozess begleiten Frau Harijono und Herr Lauterjung gemeinsam mit den politischen Vertretern der beteiligten Länder.

Im deutschen Bundestag besteht Einigkeit darüber, dass dieses Projekt für Deutschland eine besondere nationale und internationale Aufmerksamkeit erfährt. Dieser Konsens besteht über alle Parteien hinweg. Die große Koalition hat das Projekt daher auch als Vorbild für die Projektförderung in Forschung und Entwicklung explizit in ihrem Koalitionsvertrag genannt.

Ich freue mich sehr, dass die Projektleitung dieses Projekts, das das BMBF finanziell fördert, den Roland Gutsch Award für beispielhaftes Projektmanagement erhält und ich an dieser Stelle die Laudatio für die beiden Preisträger halten kann.

Ihnen Frau Dr. Sri Woro Harijono und Ihnen Herr Dr. Jörn Lauterjung gratuliere ich von Herzen für diesen Preis und danke Ihnen für Ihr herausragendes Engagement, ohne das eine so komplexe Aufgabe nicht möglich gewesen wäre.