Rede anlässlich der Eröffnungsfeier der Fraunhofer-inHaus2-Forschungsanlage am 5. November 2008 in Duisburg
Sehr geehrter Herr Minister Pinkwart (MIWFT NRW),
sehr geehrter Herr Professor Bullinger (Präsident FhG),
sehr geehrter Herr Scherer (Leiter Fraunhofer-inHaus-Zentrum),
meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich sehr, heute hier an der Eröffnung der inHaus2-Forschungsanlage teilzunehmen und Ihnen die herzlichen Grüße von Frau Bundesministerin Dr. Schavan zu übermitteln.
I.
Mit Interesse habe ich schon in der Vorbereitung auf diesen Termin vernommen, dass es sich beim Fraunhofer-inHaus-Zentrum um die innovativste Immobilie Deutschlands - wenn nicht sogar darüber hinaus – handelt, und dass sich hinter der Baumaßnahme an sich eigentlich ein einzigartiges Forschungsprojekt verbirgt. Bereits beim Bau werdgleichzeitig en moderne Energiespar-Methoden, gehobene Sicherheitsstandards, optimierte Funktionalitäten und eine höhere Zeit- und Kosteneffizienz zugleich berücksichtigt.
Ø So erfassen RFID-Tags auf der Baustelle Daten, die dann eine umfassende IT-basierte Steuerung der Materialflüsse und Aktivitäten ermöglichen,
Ø Weiterhin wird mit neuartigen Baustoffen wie z.B. selbstverdichtendem Beton gearbeitet.
Ø Webcams ermöglichen via Internet einen virtuellen Rundgang über die Baustelle und einen Abgleich des virtuellen Computermodells mit dem Realbild.
Ø Es werden verschiedene Möglichkeiten der Energieversorgung, des Heizens und des Kühlens und der Isolierung im Realbetrieb nebeneinander umgesetzt und getestet.
Beeindruckend ist die Liste der am Bau der inHaus2-Forschungsanlage beteiligten Partner mit neun Fraunhofer-Instituten, Universitäten des Ruhrgebiets und über 20 Partnern aus der Wirtschaft. Nicht unerheblich ist auch der Mitteleinsatz, der in den Bau und die Erstausstattung, aber auch die in Folge geplanten Forschungsprojekte fließen soll. Zusätzlich zu den 8,7 Mio. €, die Bund, Land Nordrhein-Westfalen sowie die EU aus dem EFRE-Strukturfonds für den Bau bereitstellen, bringen die Partner aus der Wirtschaft weitere 1,5 Mio. € für die Erstausstattung in inHaus2 ein und beteiligen sich maßgeblich an den anschließenden FuE-Projekten, für die bis 2011 insgesamt ca. 27 Mio. € eingesetzt werden sollen.
Letztlich sollen nach dem Modell der inHaus-Forschungsanlage künftig international neuartige Krankenhäuser oder Pflegeheime bzw. Büros oder Hotels entstehen.
Das Fraunhofer-inHaus-Zentrum mit seinem kleineren „Wohn-Bau“ inHaus1 und seiner sehr viel größeren „Nutz-Immobilie“ inHaus2 ist damit ein exzellentes Beispiel dafür, was alles gelingen kann, wenn die Kräfte von Politik, Forschern und Unternehmen gebündelt werden.
II.
Der Bündelung von Kräften schenkt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in seinen Förderprogrammen seit längerem besonderes Augenmerk. Verbundprojekte stellen eine Möglichkeit der Kooperation dar, hier beteiligen sich mehrere unabhängige Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft mit eigenständigen Beiträgen an der Lösung einer Forschungs- und Entwicklungsaufgabe. Im Optimalfall kann die Kooperation in einem weiteren Projekt fortgesetzt werden.
Im Rahmen der Hightech-Strategie treibt das BMBF die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft konsequent voran. Denn kreative neue Ideen entstehen dort, wo sich Menschen aus verschiedenen, aber kommunizierenden Disziplinen begegnen. Eine Region wiederum ist dann erfolgreich, wenn sich eine Allianz bildet, in der die Fähigkeiten und Erfahrungen zusammentreffen – wo etwas Neues, Einmaliges und Hervorragendes entstehen kann.
Ich sehe hier insbesondere den Spitzencluster-Wettbewerb des BMBF. Denn Leistungsstärke und Wettbewerbskraft von Unternehmen, Regionen und letztlich ganzen Volkswirtschaften hängen in hohem Maße von der Fähigkeit ab, neue Ideen und neues Wissen hervorzubringen und auch hier vor Ort in marktfähige Produkte zu überführen.
Ziel des Wettbewerbs ist, die Innovationskraft der leistungsfähigsten Cluster aus Wissenschaft und Wirtschaft zu stärken und sie auf dem Weg in die internationale Spitzengruppe zu unterstützen. Unter dem Motto „Deutschlands Spitzencluster – Mehr Innovation. Mehr Wachstum. Mehr Beschäftigung“ soll die Förderung dazu beitragen, dass die Cluster ihre Ideen schneller in neue Produkte, Prozesse und Dienstleistungen umsetzen.
Der themenoffen angelegte Spitzenclusterwettbewerb zählt zu den zentralen neuen Maßnahmen der Hightech-Strategie für Deutschland. Die Gewinner werden vom BMBF über einen Zeitraum von maximal fünf Jahren mit insgesamt bis zu 200 Mio. € gefördert. Wie Sie sicherlich der Presse entnommen haben, stehen die fünf Gewinner der 1. Runde fest.
Bei der Förderentscheidung spielte auch die Berücksichtigung der gesamten Innovationskette – von der Wissensgenerierung bis zur wirtschaftlichen Verwertung – eine wichtige Rolle. Denn nur wenn die Kräfte von Forschern und Unternehmen gebündelt werden, kann die Innovationskraft unseres Landes steigen. Gefragt sind daher strategische Partnerschaften, wie wir sie bei den Gewinnern des Wettbewerbs sehen. Gefragt sind Partnerschaften aus Wissenschaft und Wirtschaft, die mit innovativen Vorhaben den Gedanken der Clusterbildung ausfüllen und „leben“.
Erfreulich war die insgesamt hohe Beteiligung von Fraunhofer-Instituten im Bewerbungsprozess zum Wettbewerb. Ganz konkret sind 8 Fraunhofer-Institute über Leitprojekte und Unteraufträge mit den in der ersten Runde ausgewählten Spitzenclustern verbunden. Bei zahlreichen weiteren Fraunhofer-Instituten ist die Mitarbeit über Vorhaben in den Spitzenclustern vorgesehen.
Durch den Wettbewerb werden erhebliche neue Innovationskräfte freigesetzt. Erste positive Ansätze für die starke Mobilisierungswirkung waren bereits in den letzten Wochen und Monaten zu sehen. Aus den Ländern kam viel positive Resonanz, die Aufbruchstimmung in den Clustern ist deutlich zu spüren.
Es ist geplant, im Dezember die Ausschreibung zur zweiten Runde des Spitzencluster-Wettbewerbs zu starten. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und die Institute der Fraunhofer-Gesellschaft und ihre Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft ermuntern, sich erneut zahlreich zu beteiligen.
III. [Aktualisierungsvorbehalt 427]
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Geld alleine reicht nicht aus, auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Die deutschen Wissenschaftseinrichtungen brauchen mehr Selbstständigkeit, mehr Spielräume und mehr Eigenverantwortung. Deshalb hat die Bundesregierung nach dem Motto „Freiheit fördert Exzellenz“ die Initiative „Wissenschaftsfreiheitsgesetz“ auf den Weg gebracht und Ende Juli den Fünf-Punkte-Plan für mehr Autonomie in der Wissenschaft beschlossen.
Zentrales Anliegen der Initiative ist es, die Flexibilität des Gesamtsystems zu erhöhen und zugleich die Eigenverantwortung der Wissenschaftseinrichtungen zu stärken. Die Initiative umfasst daher die fünf Bereiche: Haushalt, Personal, Vernetzung zwischen Wissenschaftseinrichtungen und mit der Wirtschaft sowie Bau- und Vergabeverfahren der Forschungseinrichtungen.
Ich sehe hier für die FhG wesentliche Erleichterungen.
Im Bereich Haushalt ist das forschungspolitische Ziel, den Prozess der Flexibilisierung haushaltsrechtlicher Rahmenbedingungen der Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen konsequent weiterzuführen mit dem Ziel der Entwicklung von Globalhaushalten am Ende des Prozesses. Dabei stehen folgende Maßnahmen im Vordergrund:
· Einräumung zunächst substantiell erhöhter Quoten zur Selbstbewirtschaftung mit Blick auf das Ziel der vollständigen Realisierung der Überjährigkeit der Haushalte. Abschaffung bisher bestehender Genehmigungsvorbehalte des BMF.
· Wesentliche Erweiterung der bestehenden Deckungsfähigkeiten zwischen Personal-, Sach- und Investitionsmitteln in einem ersten Schritt.
· Abschaffung der Stellenpläne und Personalausgabenquoten im Bundeshaushalt für die MPG, die FhG und die Helmholtz-Zentren.
Auch die vier weiteren, vom Kabinett beschlossenen Eckpunkte sollen durch Maßnahmen umgesetzt werden, die bereits für das Haushaltsjahr 2009 greifen:
Im Bereich Personal wollen wir die Voraussetzungen weiter verbessern, um die besten Köpfe für die deutsche Forschung zu gewinnen und sie im Land zu halten – auch gegen starke internationale Konkurrenz. Im einzelnen wollen wir:
· Schrittweise Aufgabe des Vergaberahmens; zunächst Vereinbarung von Kontingenten, innerhalb derer der Vergaberahmen nicht mehr gilt. Über die jeweiligen Umsetzungsschritte wird nach jeweils drei Jahren berichtet.
· Abschaffung von Zustimmungserfordernissen in den W-Grundsätzen.
· Gemeinsame Weiterentwicklung der Anstellungskonditionen für Wissenschaftler/innen zur Stärkung der internationalen Konkurrenzfähigkeit der Forschungseinrichtungen.
Die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft über Beteiligungen der Wissenschaftseinrichtungen an Ausgründungen und Joint-Ventures soll weiter gefördert und beschleunigt werden. Hier soll in Abstimmung mit BMF das Genehmigungsverfahren nach § 65 Abs. 3 BHO nachhaltig gestrafft und beschleunigt werden.
Um den Wissenschaftseinrichtungen zügig die erforderliche Infrastruktur zur Verfügung stellen zu können, soll im Einvernehmen mit dem BMVBS in Anlehnung an das für die MPG geltende Verfahren ein vereinfachtes Bauverfahren für die FhG und die Helmholtz-Zentren geschaffen werden.
Um die schnelle und effiziente Beschaffung von Waren und Dienstleistungen bis zu einem Auftragswert von € 30.000,- zu ermöglichen, hat das BMBF für die in seinem Geschäftsbereich liegenden Einrichtungen bereits gehandelt: Sie können Waren und Dienstleistungen bis zu diesem Schwellenwert im Wege der freihändigen Vergabe unter Wahrung der Wirtschaftlichkeit und Beachtung von Vorschriften zur Korruptionsprävention einkaufen. Weiterhin ist vom Kabinett beschlossen worden, dass sich die Bundesregierung im Rahmen der anstehenden Novellierung der Verdingungsordnung für Leistungen für weitere forschungsspezifische Erleichterungen im Vergaberecht unterhalb des EU-Schwellenwertes einsetzt.
Dieser 5-Punkte-Plan für mehr Autonomie in der deutschen Wissenschaft schafft die Voraussetzungen dafür, dass die deutschen Forschungseinrichtungen künftig über deutlich größere Freiräume verfügen.
Wir geben den wissenschaftlichen Einrichtungen noch mehr Selbstständigkeit und flexiblere Rahmenbedingungen. Damit sind sie vor allem im internationalen Wettbewerb noch attraktiver und handlungsfähiger.
Im Gegenzug werden die Forschungseinrichtungen zeigen, dass sie die neuen Freiräume verantwortungsvoll nutzen und mit den öffentlichen Mitteln exzellente Forschungsergebnisse generieren, um sich auch in Zukunft mit den weltweit Besten messen zu können. Wir vertrauen darauf, dass die Forschungseinrichtungen die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen werden. Deshalb wagen wir mehr Freiheit.
IV.
Die Fraunhofer-Gesellschaft nimmt auf ihrem Gebiet – der angewandten Forschung – in der deutschen Forschungslandschaft eine zentrale Rolle ein. Sie ist der Motor für die Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft sowie für Transfer und Nutzung von Forschungsergebnissen in der Gesellschaft. Sie schafft mit Projekten wie inHaus2 Beispiele für Technologiepartnerschaften, die das komplexe Wechselspiel zwischen Technologieentwicklung und Technologieanwendung in Gang setzen.
Zudem wird mit öffentlichen Mitteln ein Mehrfaches an Mitteln aus der Wirtschaft mobilisiert, um neue Produkte zu entwickeln und Arbeitsplätze zu schaffen.
Das ist für den Bund gelebte HighTech-Strategie. Bei ihrer innovativen Umsetzung im Fraunhofer-inHaus-Zentrum wünsche ich allen Beteiligten viel Erfolg.

