Meine Rede anlässlich der Projektveranstaltung ITAS "Zukunkftchancen durch berufliche Bildung" am 9. Juni 2008 in Berlin


Datum: 09.06.2008

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Dr. Krafft,
Sehr geehrter stellvertr. Bürgermeister Gunia,
 
ich freue mich sehr, heute an der Veranstaltung „get connected“ des JOBSTARTER-Projekts ITAS teilnehmen zu können, als Parlamentarischer Staatssekretär des BMBF und als Bundestagsabgeordneter des Kreises Düren.
 
Vor etwa einem Jahr, am 31. Mai 2007, haben wir die Auftaktveranstaltung des Projektes ITAS gemacht. Bei dieser Auftaktveranstaltung wurden die ambitionierten Projektziele vorgestellt und ich freue mich, dass heute ‑ etwas mehr als ein Jahr später ‑ auf beachtliche Ergebnisse der Projektarbeit geblickt werden kann, von denen im Laufe der Veranstaltung noch berich­tet wird. Mitgebracht hatte ich damals den Bewilligungsbescheid in Höhe von 300.000 € des BMBF um Initiativen für neue Ausbildungsplätze in neuen, technologiebezogene Betriebe einzuwerben und zu unterstützen.
   
 
Meine Damen und Herren,
 

Zukunftschancen durch berufliche Bildung ist die Überschrift meines Eingangsstatements.

Als bekanntermaßen rohstoffarmes Land ist eine der wichtigsten Ressourcen in Deutschland die Bildung der Menschen.

Die Zukunftschancen durch die berufliche Bildung bieten sich gleich doppelt dar. Zum einen wird mit einer beruflichen Bildung für den Jugendlichen das Fundament und damit die Aus­gangsbasis für seine Lebensgestaltung – für seine Zukunft gelegt. Zum anderen eröffnen sich dem ausbildenden Betrieb Zukunftschancen. Zum einen durch die Sicherung des eigenen Fachkräftebedarfs, zum anderen bringen Auszubildende auch immer Innovationen und damit Marktchancen in ein Unternehmen.

Im Mittelpunkt der heutigen Veranstaltung soll das Thema der Netzwerkbildung stehen. Eine Netzwerkbildung wird angestrebt, um gemeinsam den Herausforderungen zu begegnen, mit denen sich unsere Gesellschaft, unser Bildungs- und Ausbildungssystem, insbesondere auch das duale System, konfrontiert sehen. Netzwerkbildung unterstützt hier den Prozess des Fundamentlegens beim Jugendlichen indem Betriebe auch für die Ausbildung gewonnen werden können.

Das Forschungszentrum Jülich als Träger des JOBSTARTER-Projekts hat hier als erstes Forschungszentrum Deutschlands aktives Engagement in einem Ausbildungsstrukturpro­gramm der Bundesregierung gezeigt. Dadurch wird deutlich, dass Bildung und Ausbildung auf der einen Seite und Forschung auf der anderen Seite Themen sind, die zusammenhängen und sich ergänzen. Dabei möchte ich die eigene Ausbildungsleistung des Forschungszen­trums an dieser Stelle auch noch einmal hervorheben.

Sie, meine Damen und Herren, kennen die mit dem strukturellen Wandel verbundenen Her­ausforderungen für die Betriebe, dies ist für Sie schon heute gelebte Praxis. Sie kennen die Herausforderungen, die für uns mit dem demografischen Wandel verbunden sind. Nur mit hohen Ausbildungs- und Qualifizierungsanstrengungen kann es uns gelingen, die Wettbe­werbsfähigkeit der Wirtschaft und den Fachkräftenachwuchs mittel- und langfristig zu si­chern. Auch das Zusammenwachsen eines europäischen Wirtschaftsraums bleibt nicht ohne Auswirkungen. Dies betrifft die länderübergreifende Mobilität von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Dies betrifft bisweilen die neue und harte Konkurrenz für inländische An­bieter. Das bedeutet auf der anderen Seite aber auch neue Chancen für unsere Betriebe auf bisher verschlossenen Märkten.
Deutschland hat einen großen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften. Alle bekannten Prognosen gehen von einer steigenden Nachfrage nach qualifizierten Fach­kräften aus ‑ wenn auch mit unterschiedlichen Zeithorizonten und unterschiedlicher Dynamik in einzelnen Re­gionen und Wirtschaftsbranchen. Etliche Unternehmen melden Rekrutierungsschwierigkei­ten für bestimmte Bereiche. Besonders Menschen mit Abschlüssen in den Fächern Mathe­matik, Informatik, Natur- und Technikwissen­schaften („MINT-Fächer“) sowie mit Ab­schlüssen auf Techniker- und Meisterebene in techni­schen Bereichen werden gesucht.
 
Die Zahlen auf dem Ausbildungsmarkt markieren aber zunächst eine positive Trendwende. Im Jahr 2007 gab es 625.914 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge, dies sind knapp 50.000 Ausbildungsverträge mehr als im Jahr 2006. Insofern haben die bisherigen gemein­samen Anstrengungen durchaus Erfolge erzielt. Und die ersten Meldungen vom Ausbil­dungsmarkt lassen erwarten, dass sich dieser Trend auch in diesem Jahr fortsetzt.
 

Meine Damen und Herren,

dennoch bleiben Herausforderungen bestehen:
 
An den Altbewerbern, junge Menschen, die schon in vorangegangenen Vermittlungsjahr oder früher einen Ausbildungsplatz gesucht hatten, ist die Entwicklung vorbeigegangen. Im Jahr 2007 gab es nach Auskunft des BIBB immer noch ca. 385.000 Altbewerber. Diesen Ju­gendlichen muss unsere besondere Aufmerksamkeit gelten. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Es wäre verantwortungslos, auf eine Lösung der Albewer­berproblematik durch den demografischen Wandel und auf die aktuellen positiven Signale auf den Ausbildungsmarkt zu setzen. Zwar ist in den neuen Bundesländern künftig mit stark reduzierten Schulabgängerjahrgängen zu rechnen. In den alten Ländern bleibt die Zahl der Schulabgänger aber bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts auf hohem Niveau. In den Jahren 2011 und 2013 stehen uns aufgrund der doppelten Abiturjahrgänge sogar besondere Nach­fragespitzen bevor. Deshalb gilt: Wir müssen den konjunkturellen Rückenwind jetzt nutzen, um mehr Ausbildungsmöglichkeiten gerade für Altbewerber zu schaffen und sie in den nächsten drei bis fünf Jahren in den Ausbildungsmarkt zu integrieren.

Insofern sind das Thema der Ausbildungsplatzentwicklung und die Besetzung Ausbildungs­plätze sowie die Netzwerkarbeit, die heute auf dieser Veranstaltung vom Projekt ITAS vor­gestellt werden, immer noch von höchster Relevanz für unsere Gesellschaft, um ein Signal für die Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit unseres Ausbildungssystems zu setzen.

 
Meine Damen und Herren,

um allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen jungen Menschen eine wirkliche Chance zu ermöglichen, hat auch die Bundesregierung ihr Engagement noch einmal massiv verstärkt. Das Bundeskabinett hat am 9. Januar 2008 die Qualifizierungsinitiative der Bun­desregierung auf den Weg gebracht. Ziel dieser Qualifizierungsinitiative ist es, mehr Bildungsge­rechtigkeit in Deutschland auf allen Ebenen zu schaffen. Bildungsgerechtigkeit heißt: Mehr Chancen auf Bildung durch bessere Qualität der Bildung auf allen Ebenen, mehr Chancen für Menschen aus bildungsfernen Familien, mehr Chancen für Migranten, mehr Chancen auf Aufstieg unter Nutzung aller Potentiale. Weniger Bildungsabbrecher weder der Schule, der Erstausbildung noch im Studium heißt die Zielrichtung. und weniger Altbewerber auf dem Ausbildungsmarkt.

Konkret umfasst die Qualifizierungsinitiative sehr verschiedene Maßnahmen und Anstren­gungen und ich möchte hier nur einige wenige beispielhaft nennen, die den heutigen Rahmen betreffen:

1. Die Bundesregierung wird Anstrengungen der Länder zur Halbierung der Zahl der Schulab­brecher unterstützen. Dazu werden ab 2008 u.a. folgende Maßnahmen gehören:

In Zusammenarbeit zwischen Schulen und überberuflichen Berufsbildungsstätten werden Praxisphasen für die Abgangsklassen, vor allem von Hauptschulen angeboten;

   mit Förderung der Bundesagentur für Arbeit werden modellhaft Schulunterricht und Be­rufspra­xis in sogenannten „Praxisklassen“ intensiver verknüpft, damit sich lern­schwä­chere junge Menschen frühzeitiger an einer künftigen Ausbildung orientieren können;

   etwa 1.500 sog. „harte Schulverweigerer“ werden in den Schulen wieder eingeglie­dert; dazu dient die Förderung von bundesweit 73 Projekten;

   der Einsatz von hauptberuflichen Berufseinstiegsbegleitern und von ehrenamtlichen Aus­bil­dungspaten, die Jugendliche auf dem Weg zum Schulabschluss und in einer Ausbildung unterstützen, wird gefördert.

2. Die Bundesregierung wird die Schaffung von 100.000 zusätzlichen Ausbildungsplätzen für Altbewerber bis 2010 unterstützen. Dafür wird ab 2008 ein Ausbildungsbonus für Betriebe eingeführt, die mit besonders förderungsbedürftigen Altbewerbern einen Ausbil­dungsvertrag abschließen. Je nach Höhe der jeweiligen Ausbildungsvergütung beträgt der Bonus zwischen 4.000 und 6.000 Euro. Außerdem werden sozialpädagogische Hilfen ausgebaut, die Betriebe dabei unterstützen, Jugendliche mit Ausbildungsproblemen zum Abschluss zu führen.

3. Im Rahmen der neuen Förderinitiative „Perspektive Berufsabschluss“ des Bundesministe­riums für Bildung und Forschung werden junge Erwachsene ohne Berufsabschluss beim Nachholen von Berufsabschlüssen unterstützt.

4. Die Bundesregierung wird in 2008 ein Aufstiegsstipendium einführen. Absolventinnen und Absolventen der beruflichen Bildung und Berufstätige, die über berufliche Qualifi­kationen eine Hochschulzugangsberechtigung erworben haben, können sich dafür be­werben. Ziel ist die finanzielle Unterstützung beruflich besonders Begabter, die ein Stu­dium aufnehmen wollen.

Bildung, Ausbildung und Weiterbildung sind in Deutschland traditionell nicht allein Sache der Bundesregie­rung. Hier sind insbesondere auch die Länder und die Wirtschaft in der Pflicht. Die Verantwortlichkeiten müssen klar definiert werden, damit auch jeder weiß, wo er handeln muss. Die ist im Rahmen des Ausbildungspaktes gelungen. Mit den Spitzenver­bänden der deutschen Wirtschaft wurde daher der Ausbildungspakt bis zum Jahr 2010 ver­längert. Die Wirtschaft hat jährlich 60.000 neue Ausbildungsplätze und 40.000 Plätze für betriebliche Einstiegsqualifizierungen zugesagt. Mit den Regierungschefs der Länder wurde außerdem am 19. Dezember vereinbart, die Maßnahmen und Initiativen von Bund und Ländern zu einer gemeinsamen Qualifizierungsinitiative zusammen zu führen. Diese Quali­fizierungsinitiative für Deutschland soll im Herbst 2008 bei einem Treffen der Bundeskanz­lerin mit den Regierungschefs der Länder verabschiedet werden.

Dieses ist ein ganz starkes Signal. Denn es zeigt, den gemeinsamen Willen, dass die mittel- und langfristige Sicherung des Fachkräftebedarfs eine prioritäre Herausforderung für die Zu­kunft von Wachstum und Beschäftigung in Deutschland darstellt.

 
Meine Damen und Herren,

Mit dem Ausbildungsstrukturprogramm JOBSTARTER möchte das Bundesministerium für Bildung und Forschung nicht nur einen Beitrag zur Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze leistet, sondern auch eine strukturelle Innovation befördert. Das im Jahr 2006 gestartete und für eine Laufzeit von fünf Jahren mit insgesamt 125 Millionen Euro ausgestatte Programm ist auf große Resonanz ge­stoßen. Insgesamt laufen derzeit 182 JOBSTARTER-Projekte. Bisher konnten von den JOBSTARTER-Projekten 16.387 Ausbildungsplätze akquiriert werden. Von den Projekten besetzt werden konnten bisher 10.540 Ausbildungsplätze. Die Besetzungsquote liegt im Durchschnitt bei 64 %. Das macht deutlich, dass auch in den letzten Jahren, da es mehr Be­werber gab als Ausbildungsplätze, es nicht Trivial ist dafür auch den geeigneten Bewerber zu finden.

Ich freue mich, dass es allein in Nordrhein-Westfalen 33 aktive JOBSTARTER-Projekte gibt. In NRW wurden von den Projekten der ersten beiden Förderrunden rund 2.700 zusätz­liche Ausbildungsplätze akquiriert und besetzt. Die Besetzung der freien Ausbildungsplätze ist dabei ein ganz wesentlicher Aspekt, der an Bedeutung zunimmt. Nur ein besetzter Aus­bildungsplatz ist ein guter Ausbildungsplatz.

Das BMBF-Ausbildungsstrukturprogramm JOBSTARTER ver­steht sich als umfassende Initiative zur Verbesserung der be­trieblichen Ausbildungsplatzsituation und zielt auf struktu­relle Innovationen in den Regionen ab. Dem Aufbau und der Be­treuung thematischer oder regionaler Ausbildungsnetzwerke, was ja auch Thema der heutigen Veranstaltung ist, kommt hierbei eine besondere Rolle sowohl bei der Entwicklung und Stabilisierung von betriebli­chen Ausbildungskulturen als auch bei der Implementierung von Aktivitäten zur Regionalent­wicklung und perspektivischen Fachkräftesicherung zu.

Das ist und bleibt ein besonderer Schwerpunkt auch für die Region Aachen. Die Ausbil­dungssituation in Aachen zeigt zwar nach Angaben der Agentur für Arbeit vom 30. März 2008 eine Verbesserung auf: Im Zeitraum vom 1. Oktober 2007 bis zum 30. März 2008 wurden mit 3.392 Ausbildungsstellen 99 oder 3,0 Prozent mehr registriert als im Vergleichs­zeitraum des Vorjahres. Dennoch dürfen diese Zahlen nicht zu der Annahme verleiten, der Ausbildungsmarkt befinde sich vollständig im Gleichgewicht So kommen rechnerisch im Kreis Aachen und im Kreis Heinsberg auf eine gemeldete Ausbildungsstelle 1,4 Bewerber. Ein Ungleichgewicht gibt es auch bei vielen Ausbildungsberufen. So übersteigt die Zahl der noch suchenden Bewerber die Zahl der offenen Ausbildungsstellen etwa bei den Ausbil­dungsberufen „Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel“, „Tischler/Tischlerin“, oder „Medizi­nische Fachangestellte“. Umgekehrt ist es für die Betriebe schwierig, genug Nachwuchs­kräfte in den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen zu finden.

Regionale Branchen-Konzepte sollen darauf ausgerichtet sein, aus der Praxis heraus für die Praxis geeignete Lösungsan­sätze für KMU-orientierte Berufsausbildung zu definieren. KMU sollen von der Notwendigkeit der Ausbildung und den Möglich­keiten der Wertschöpfung des eigenen Fachkräfte­nachwuchses überzeugt werden und Multiplikatoreffekte in der Ver­bundausbildung mit dem Fokus der Netzwerkbildung und Regionalentwicklung verbunden werden.

Das sind mit Hinblick auf die gerade genannten Daten auch Herausforderungen für die Re­gion Aachen und natürlich auch für das JOBSTARTER-Projekt ITAS des Forschungszen­trums Jülich und des Kooperationspartners VESBE e.V.                                                                                


Meine Damen und Herren,

eine besonders gute Botschaft des JOBSTARTER-Projekts ITAS möchte ich hier nen­nen:

Das Ziel des Projekts, das auf der Auftaktveranstaltung vor einem Jahr vorgestellt wurde, lautete: 60 zusätzliche Ausbildungsplätze, davon 10 Verbundausbildungsplätze, im Kam­merbezirk Aachen zu schaffen. Der Schwerpunkt hierbei sollte auf der Akquise von Ausbil­dungsplätzen bei klein- und mittelständischen Unternehmen der Automobil- und Schienen­technik und der Informations- und Kommunikationstechnologien liegen. Diese Branchen ha­ben in den letzten Jahren einen Aufschwung verbunden mit zahlreichen Firmenneugründun­gen erfahren. Die Region Aachen ist gleichzeitig bekannt für zukunftsträchtige Technologie­felder und zählt zu den führenden Technologieregionen. Das beeindruckende Ergeb­nis ist, dass dieses Ziel bereits nach etwas mehr als der Hälfte der Projektlaufzeit erreicht wurde: es sind bisher von dem Projektteam ITAS 65 Stellen akquiriert und davon 38 besetzt worden, d. h. die Zielsetzung in Bezug auf die zu akquirierenden Plätze ist bereits übertrof­fen! Auch die Anzahl von Verbundausbildungsplätzen ist schon übertroffen, sie liegt bei 13 Plätzen.

Zu diesem sehr guten Zwischenergebnis möchte ich dem Forschungszentrum Jülich und dem VESBE e.V. gratulieren. Das Geld des BMBF ist gut angelegt. Auch geht mein spezieller Dank nochmals ‑ wie schon ein­gangs erwähnt ‑ an das Forschungszentrum für das außergewöhnliche Engagement in der Ausbildung und der damit verbundenen Strukturentwicklung in der Region Aachen.

Kein junger Mensch darf zurück gelassen werden. Deshalb fördern wir Ausbildung statt Warteschleifen, beugen Arbeitslosigkeit vor und aktivieren zusätzliche Lehrstellen. Das ist bildungspolitisch zielführend, wirtschaftspolitisch vernünftig und sozialpolitisch nachhaltig. Gute Ausbildung ist die beste Arbeitslosenversicherung.