Hauptseite > Berlin > Reden > Reden 2008 > EINSTIEG Abi-Messe

Meine Rede anlässlich der Eröffnung EINSTIEG Abi-Messe in Köln am 29. Februar 2008


Datum: 29.02.2008

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

Bildung und Qualifizierung sind der Schlüssel für die Zukunft unseres Landes. Die Sicherung des Wirtschaftswachstums ist nur mit gut qualifizierten Fachkräften möglich. Dies gilt insbesondere für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland. Deutschland wird seinen Wohlstand und seine Position als Kultur- und Wirtschaftsstandort nur dann halten können, wenn es die Faktoren Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technik auf höchstem Niveau fördert.

Die Diskussion um die Fachkräfteentwicklung in Deutschland ist daher von strategischer Bedeutung, vor allem im Hinblick auf die durch Globalisierung und demographische Entwicklung auf uns zukommenden Herausforderungen.

Wie sich die Situation bereits heute darstellt, verdeutlicht ein Blick auf den Arbeitsmarkt. Die Fakten sind eindeutig. Einerseits bleiben rund 15% der jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren in Deutschland ohne Berufsabschluss. Andererseits vermeldet das Institut der deutschen Wirtschaft, dass drei von zehn Unternehmen, die hochqualifizierte Arbeitskräfte suchen, ihren Fachkräftebedarf nicht decken konnten. Die Konsequenz davon ist, dass der volkswirtschaftliche Wertschöpfungsverlust allein 2006
18,5 Milliarden Euro betragen hat. Dieses Missverhältnis müssen und wollen wir beheben.

Eine der zentralen Herausforderungen der Globalisierung heißt: Bildung. Bereits jetzt nimmt der Bedarf an gut ausgebildeten und qualifizierten Menschen weiter zu. Dies sehen wir derzeit im konjunkturellen Aufschwung in Deutschland, bei dem in einigen Regionen bereits der Fachkräftemangel deutlich spürbar ist. Aber auch jenseits der konjunkturellen Entwicklung setzt sich der Trend fort, dass am Arbeitsmarkt immer mehr akademisch Qualifizierte gebraucht werden.

Doch bereits heute gibt es zu wenig Absolventen der Natur- und Ingenieurwissenschaften, um auch künftig den Bedarf der Wirtschaft zu decken. Im internationalen Vergleich der Absolventenzahlen landet Deutschland auch bei technisch-naturwissenschaftlichen Hochschulabschlüssen auf einer hinteren Position. Die Zahl von Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge ist seit 1995 von 50.000 auf 40.000 im Jahr 2006 kontinuierlich gesunken. Das Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln kommt für das Jahr 2006 zu dem Ergebnis, dass rund 73.000 Stellen im ingenieur- und naturwissenschaftlichen Bereich mangels geeigneter Bewerber nicht besetzt, rund 20.000 Stellen nur verzögert besetzt werden konnten.

Diese Situation wird sich insgesamt in den nächsten Jahren noch verschärfen, da aufgrund der demografischen Entwicklung generell mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als eintreten. Allein in der gewerblichen Wirtschaft werden bis zum Jahr 2013 altersbedingt 70.000 Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler sowie 85.000 Ingenieurinnen und Ingenieure ausscheiden.

Die viel zu dünne Nachwuchsdecke ist übrigens eine Entwicklung, die eine europaweite Dimension hat. Analysen gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren 500.000 bis 700.000 Forscher in Europa fehlen könnten. Statistisch gesehen kamen Anfang des 21. Jahrhundert in Europa auf 1000 Beschäftigte 5,4 Forscherinnen und Forscher, in Japan waren es 10,1, in USA 9.

Solche Zahlen sind alarmierend. Wir laufen Gefahr, dass uns am Ende die Köpfe fehlen, die in Wissenschaft und Wirtschaft gebraucht werden, um mit Forschergeist neue Ideen zu entwickeln, um technologische Spitzenleistungen zu erbringen, um Unternehmen zu gründen, um mit neuen Produkten und neuen innovativen Dienstleistungen wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Genau dieser Herausforderung stellt sich die Bundesregierung mit der Qualifizierungsinitiative. Ziel dieser Qualifizierungsinitiative ist sowohl die Sicherung der Fachkräftebasis als auch mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland auf allen Ebenen zu schaffen. Bildungsgerechtigkeit heißt: Mehr Chancen auf Bildung durch bessere Qualität der Bildung, mehr Chancen für Menschen aus bildungsfernen Familien, mehr Chancen für Migranten, mehr Chancen auf Aufstieg. Weniger Abbrecher in der Schule und dem Studium, weniger Altbewerber auf dem Ausbildungsmarkt.

Kurz: Mehr Chancen für jeden Einzelnen – und damit Zukunftsfähigkeit und Wohlstand für unser Land.

Konkret umfasst die Qualifizierungsinitiative sehr verschiedene Maßnahmen und Anstrengungen und ich möchte hier nur einige Wenige beispielhaft nennen:

Die Entscheidung für eine naturwissenschaftliche oder technische Karriere fällt nicht erst nach dem Abitur sondern weit früher. Im Kindesalter wird der Grundstein für eine natur- oder ingenieurwissenschaftliche Karriere gelegt. Nur wenn diese Kinder und Jugendlichen der Faszination von Wissenschaft und Forschung erliegen und ein Interesse entwickeln den Dingen auf den Grund zu gehen, hinter die Dinge zu schauen, nur dann wird Interesse an einer Forscher- oder Ingenieurskarriere entstehen. Deshalb müssen wir die Kinder und Jugendlichen in diesem Alter erfolgreich motivieren.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wird daher die Initiative "Haus der kleinen Forscher", die sich zum Ziel gesetzt hat, Erzieherinnen und Erzieher fortzubilden und Materialien für den Umgang mit naturwissenschaftlichen Experimenten zur Verfügung zu stellen, erheblich ausbauen.

Um Natur und Technik für Kinder in Vorschuleinrichtungen erlebbar zu machen, haben sich die Helmholtz-Gemeinschaft und McKinsey zusammen mit der Siemens AG und der Dietmar-Hopp-Stiftung unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin für Bildung und Forschung zur Initiative „Haus der kleinen Forscher“ zusammengeschlossen. Dieses Projekt wird mit Unterstützung der Bundesregierung (3,5 Millionen Euro bis 2010) in der Fläche und in allen Bundesländern ausgebaut werden. Bis 2009/2010 sollen 10.000 Kindertagesstätten, das ist etwa jede fünfte Kindertagesstätte in Deutschland, erreicht werden.

Das Projekt steht exemplarisch für weitere Initiativen: Auch andere Unternehmen und Forschungseinrichtungen wie die Deutsche Telekom Stiftung, Bosch, Trumpf oder die Fraunhofer Gesellschaft unterstützen Projekte, die das Verständnis für Wissenschaft, Technik und Wirtschaft stärken. Unser Ziel ist, jeder Kinderbetreuungseinrichtung und jeder Grundschule in Deutschland über Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen den Zugang zu unterstützenden Angeboten im Bereich von Natur und Technik zu eröffnen.

Ferner wird die Bundesregierung noch in diesem Jahr ein Aufstiegsstipendium einführen. Absolventinnen und Absolventen der beruflichen Bildung und Berufstätige, die über berufliche Qualifikationen eine Hochschulzugangsberechtigung erworben haben, können sich darum bewerben. Ziel ist die finanzielle Unterstützung beruflich besonders Begabter, die ein Studium aufnehmen wollen.

Die Bundesregierung wird des weiteren ein Freiwilliges Technisches Jahr einführen, um die Bereitschaft, technische und naturwissenschaftliche Studiengänge zu wählen, zu steigern und mittelfristig die Studienabbruchquote zu senken. Im Rahmen dieses Projektes sollen junge Menschen an außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder in innovationsstarken Unternehmen Berufs- und Praxisbezug erwerben und damit die Startbedingungen für Ihr Studium verbessern. Die Teilnehmer werden während des mehrmonatigen Berufsorientierungspraktikums fachlich angeleitet, individuell betreut und finanziell unterstützt.

Mit Blick auf den jetzt schon bestehenden Fachkräftemangel müssen wir alle Potenziale nutzen – besonders die von jungen Frauen. Denn bei weitem nicht alle technisch und mathematisch interessierten Frauen entscheiden sich für solche Berufe. Gemeinsam mit allen an Bildung und Qualifizierung Beteiligten wollen wir besonders Mädchen für natur- und ingenieurwissenschaftliche Studiengänge gewinnen. Die Bundesregierung wird daher zusammen mit Verbänden, Unternehmen, Forschungseinrichtungen, der Bundesagentur für Arbeit, Hochschulen und Ländern sowie den Medien einen Nationalen Pakt zur Gewinnung von mehr jungen Frauen für natur- und ingenieurwissenschaftliche Berufe vorbereiten. Gemeinsam sollen Frauen, die in naturwissenschaftlich – technischen Berufen ihren „Mann“ stehen, mehr in der Öffentlichkeit gezeigt werden. Wir wollen Mentees und Mentoren zusammen bringen und wir wollen deutlich machen, dass es in diesen Berufen gute Chancen für Frauen gibt.

Die Reformanstrengungen, die für die Umsetzung der Qualifizierungsinitiative gefragt sind, kann die Bundesregierung nicht alleine bewerkstelligen. Unsere föderale Ordnung sieht hier insbesondere die Länder in der Verantwortung. Die Regierungschefs von Bund und Ländern haben daher am 19. Dezember beschlossen, die Maßnahmen und Initiativen von Bund und Ländern zu einer gemeinsame Qualifizierungsinitiative zusammen zu führen und diese Qualifizierungsinitiative für Deutschland soll im Herbst 2008 bei einem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefs der Länder verabschiedet werden.

Dieses ist ein ganz starkes Signal. Denn es zeigt, den gemeinsamen Willen, dass die mittel und langfristige Sicherung des Fachkräftebedarfs eine prioritäre Herausforderung für die Zukunft von Wachstum und Beschäftigung in Deutschland darstellt.

Liebe Schülerinnen und Schüler,

Sie stehen - je nach Klassenstufe - sehr bald vor der Frage: ob Sie ein Studium aufnehmen, welches Studium Sie ergreifen könnten und, ob Sie sich ein Studium überhaupt leisten können. Die Bundesregierung hat hier mit dem zu Jahresbeginn in Kraft getretenen 22. BAföGÄndG eine erhebliche materielle Leistungsverbesserungen im BAföG vorgenommen, die die Chancengleichheit beim Zugang zu qualifizierter Ausbildung nachhaltig sichern. So stellt der Bund für das BAföG ab dem ersten Jahr voller Jahreswirkung 2009 deutlich mehr als 300 Millionen Euro jährlich zusätzlich zur Verfügung.

Erstmals seit 2001 werden so substantielle Erhöhungen im BAföG vorgenommen: Zum Herbst dieses Jahres werden die Bedarfssätze um 10 % und die Freibeträge um 8% angehoben. Geförderte Studierende und Schüler kommen damit in den Genuss einer spürbar höheren Förderung; ein Studierender kann nun maximal 643 Euro monatlich statt vorher 585 Euro Förderung erhalten.

Durch die Anhebung der Freibeträge wird ferner die Reichweite der Förderung und damit der Kreis der Geförderten erweitert: der Anteil der Geförderten wird bis 2010 voraussichtlich um rund 18 % ansteigen, das sind fast 100.000 Geförderte mehr.

Die Hinzuverdienstgrenzen ohne Anrechnung auf das BAföG werden zum Herbst für alle Auszubildenden einheitlich und ohne Differenzierung nach Ausbildungsart auf die Höhe der auch für sogenannte „Minijobs“ geltenden Grenze von 400 Euro monatlich ausgedehnt. Dadurch soll zugleich die Möglichkeit für Auszubildende verbessert werden, selbst zur Finanzierung ihrer Ausbildung beizutragen und so die ihnen gegenüber zum Unterhalt verpflichteten Eltern zu entlasten.

Auch der Begabtenförderung im Hochschulbereich und in der beruflichen Bildung misst das BMBF eine hohe Bedeutung bei. Damit mehr junge Menschen hiervon profitieren können, hat das BMBF seine finanzielle Unterstützung deutlich ausgebaut. Unser Ziel lautet: Der Anteil der im Rahmen der Begabtenförderung unterstützten Studierenden sowie der geförderten Absolventen der beruflichen Bildung soll bis zum Ende der Legislaturperiode auf ein Prozent erhöht werden. Dafür sind auch für die nächsten Jahre entsprechende Mittelsteigerungen vorgesehen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler,

das Wissenschaftsjahr 2008 ist das „Jahr der Mathematik“. Wie in den anderen Jahren auch führen wir das Jahr gemeinsam mit der Initiative Wissenschaft im Dialog durch. Zusätzliche Träger des Jahres sind diesmal die Deutsche Telekom Stiftung (Herr Kinkel dürfte im Publikum sitzen) und die Deutsche Mathematiker-Vereinigung.
Warum ausgerechnet Mathematik? Mathematik ist zum einen eine gewaltige Kulturleistung, deren Stellenwert in unserer Gesellschaft nicht angemessen wahrgenommen wird. Zum anderen durchdringt und beeinflusst kaum eine andere Wissenschaft sämtliche Lebens- und Arbeitsbereiche so weit reichend wie die Mathematik: ob vom Automobilbau zur Straßenplanung, vom Wetterbericht zum MP3-Player, vom Bahnverkehr zum Internet.

Aber Mathematik ist nicht nur Basis für die technischen Entwicklungen; sie spielt auch eine zentrale Rolle in der Wirtschaft wie zum Beispiel bei Versicherungen und Banken, in unserem Alltag und Beruf. Kaum ein Beruf lässt sich heute noch ohne Mathematik erlernen. Gute mathematische Kenntnisse sind vor allem aber unverzichtbar für viele Studiengänge. Ob Naturwissenschaften, technische Disziplinen oder Wirtschaftswissenschaften: Ohne Mathematik geht’s nicht. Folgerichtig wird Mathematik als Studienfach immer stärker gefragt.

Mathematikerinnen und Mathematiker werden in der freien Wirtschaft immer mehr eingesetzt, ob in der Finanzwirtschaft, der Verkehrsplanung oder der Industrie. Doch nicht nur wegen ihres mathematischen Know-hows sind Mathematiker begehrt. Sie gelten im Arbeitsmarkt als Generalisten und Experten für alle Fälle und werden immer dort gebraucht, wo strukturierte Lösungen gefragt sind, etwa in Softwareunternehmen, in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der produzierenden Industrie, bei Versicherungen und Unternehmensberatungen. Somit tragen wir bewusst mit dem Jahr der Mathematik zur Sicherung der Fachkräftebasis im Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften bei.

Liebe Schülerinnen und Schüler,

auch Absolventen von natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen finden als gefragte Technologieexperten attraktive Berufseinstiege und Karrierewege – und zwar nicht nur in Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie, des Maschinen- und Fahrzeugbaus oder in der IT-Branche, sondern darüber hinaus auch zunehmend in der Dienstleistungsbranche wie zum Beispiel im Banken- und Versicherungsbereich. Ein MINT-Studium gewinnt so stärker an Attraktivität.

Ich bin daher glücklich, dass wir im letzten Jahr bei den Studienanfänger im Ingenieurbereich die Trendwende geschafft habe. Rund 38 000 Studierende begannen 2007 Maschinenbau/Verfahrenstechnik zu studieren, das sind zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Studienanfängerzahlen in der Informatik stiegen um vier Prozent, in der Elektrotechnik um drei Prozent , im Bereich Bauingenieurwesen sogar um 18 Prozent.

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Schülerinnen und Schüler,

ich würde mir wünschen, wenn solche Messen wie die EINSTIEG Abi Messe hier in Köln ihren Teil dazu beitragen können, die Vielfalt und Attraktivität natur – oder ingenieurwissenschaftlicher Karrieren noch stärker zu verdeutlichen. Deutschland benötigt bestens ausgebildete Fachkräfte. Es braucht Euch, Schülerinnen und Schüler. Die Chancen die Herausforderungen zu nutzen, stehen so gut wie nie.
Vielen Dank.