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Mein Grußwort zur Eröffnung des 1. Kongresses "Ambient Assisted Living" am 30. Januar 2008 in Berlin


Datum: 30.01.2008

Sehr geehrter Herr Dr. Zimmer,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst einmal möchte ich Ihnen, Herr Dr. Zimmer, für die freundliche Einführung danken.

Ich freue mich sehr, heute den 1. Kongress „Ambient Assisted Living“ als gemeinsame Veranstaltung des Bundesforschungsministeriums und des VDE eröffnen zu dürfen. Der Kongress adressiert ein bedeutsames Thema, das zu den zentralen Herausforderungen unseres Landes gehört und in Zukunft noch mehr in den Fokus der Aufgaben des BMBF rücken wird. Denn das gesunde und unabhängige Leben im Alter ist ein Thema, das immer wichtiger wird - auch wenn es wahrhaftig nicht neu ist:

Der römische Redner, Schriftsteller und Politiker Cicero stellte vor über 2000 Jahren fest: „Das Greisenalter, das alle zu erreichen wünschen, klagen alle an, wenn sie es erreicht haben...“ Der römische Staatsmann wusste, wovon er sprach, denn er wurde immerhin 63 Jahre alt. Für damalige Verhältnisse ein nahezu biblisches Alter. Und seine Erkenntnis gilt heute mehr denn je.

Denn, meine Damen und Herren, es ist wirklich kein Geheimnis: Unsere Lebenserwartung steigt von Generation zu Generation. Schon heute sind hierzulande 18 Mio. Menschen 60 Jahre oder älter. Das ist mehr als jeder Fünfte. Und es werden mehr. Dank der allgemeinen Lebensumstände und des medizinischen Fortschritts werden 2030 voraussichtlich 26 Mio. zur Generation „60 plus“ gehören. Eine fantastische Chance. Diese Entwicklung bedeutet für uns alle mehr aktive Lebensjahre und für die Wirtschaft große Marktchancen.

Wahr ist aber auch: Gleichzeitig werden in unserem Land weniger Kinder geboren. Das heißt, dass in Zukunft immer weniger junge Menschen in die Arbeitswelt einsteigen und so zur Wertschöpfung in der Volkswirtschaft beitragen. Auch für die Pflege und Versorgung der älteren Menschen stehen immer weniger Jüngere zur Verfügung. Dies ist übrigens auch dann der Fall, wenn sich die Geburtenrate wieder erhöht.

Ein guter Grund, sich frühzeitig im Sinne von Cicero über das Leben im Alter Gedanken zu machen und Vorsorge zu treffen. Dazu gehört es, die Lebensumstände so zu gestalten, dass ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben möglichst lange möglich bleibt, im Idealfall in den eigenen vier Wänden.

Heute geht es mehr denn je darum, möglichst vielen Menschen ein möglichst aktives Leben im Alter zu ermöglichen. Das bedeutet, auch im zunehmenden Alter die Gesundheit so weit wie möglich zu wahren, die Alltagsaufgaben im Haushalt weitestgehend eigenständig zu bewältigen, bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit bestmöglich unterstützt zu werden, die persönliche Sicherheit zu gewährleisten und – ganz wichtig - am sozialen Leben der Umgebung aktiv teilzuhaben.

Möglich ist dies letztendlich nur, wenn sich die Gesellschaft als Ganzes diesen Herausforderungen annimmt, jüngere wie ältere ihren Teil beitragen. Aber in einer modernen von technologischem Fortschritt geprägten und getragenen Gesellschaft müssen wir auch die Frage stellen, wie Produkte den Bedürfnissen älterer Menschen besser angepasst werden können und welche neuen Dienstleistungen das Leben der Menschen erleichtern, Unfälle und Krankheiten vermeiden helfen und die sie von fremder Hilfe unabhängiger machen.

Ich denke hier zum Beispiel an „intelligente und altersgerechte Assistenzsysteme“. Und zwar zu akzeptablen Preisen!

Und das, meine Damen und Herren, ist eine Aufgabe für Sie und uns!
Eine Aufgabe und eine spannende Herausforderung für die Wissenschaft, für Unternehmen aus der Medizintechnik, aus der Gebäudewirtschaft und aus der Informations- und Kommunikationstechnologie, für Pflege- und Sozialdienste, für Selbsthilfegruppen, für die Kranken- und die Pflegekassen.

Die Herausforderungen und Chancen des demographischen Wandels sind natürlich auch eine Aufgabe für die Politik. Die Bundesregierung hat sich dieser Aufgabe auf vielen verschiedenen Ebenen angenommen.

Das bedeutet zum Beispiel die Ausrichtung der Hightech-Strategie auf Problemlösungen dieser Art. Wir wollen die Förderung von „Altersgerechten Assistenzsystemen“ auf den Weg bringen. Wir können hier auf einer hervorragenden Basis aufbauen.

1. Zum einen sind wir hier in Deutschland hervorragend technologisch aufgestellt. Vor allem in der Mikrosystemtechnik, die als Querschnittstechnologie für den Aufbau von intelligenten, miniaturisierten Systemen unverzichtbar ist, stehen unsere Forschung und unsere Industrie weltweit an der Spitze. Die Mikrosystemtechnik gehört darum zu den tragenden Säulen in der Hightech-Strategie.

2. Zum anderen gibt es bereits zahlreiche Lösungsansätze im Bereich Ambient Assisted Living, auf denen wir aufbauen können und die wir weiterentwickeln wollen. Einige von diesen Konzepten können Sie sich - übrigens wenige Schritte von hier - in der begleitenden Fachausstellung des Kongresses ansehen.

Nehmen wir zum Beispiel das intelligente Wohnen, auch Smart Home genannt, das heute bereits in verschiedenen Modellhäusern - auch in meiner Heimat Nordrhein-Westfalen – unter anderem von den Fraunhofer-Instituten ISST aus Dortmund und IMS aus Duisburg getestet wird und worüber wir heute noch einiges hören werden.

Im Smart Home werden die Bewohner bei alltäglichen Arbeiten unterstützt. Es fängt damit an, dass Technik sich dem Menschen anpasst und nicht umgekehrt. Einige Beispiele:
• Ein-Knopf-Bedienungen machen die Handhabbarkeit von technischen Geräten einfach und selbsterklärend.
• Küchenherd und Steckdosen können beim Verlassen der Wohnung automatisch ausgeschaltet werden und bieten somit den Bewohnern mehr Sicherheit
• Das automatische Einschalten des Lichts beim nächtlichen Gang auf die Toilette verhindert Stürze.
• Ältere Menschen werden durch in Gläser oder Tassen eingebaute Sensoren an das Trinken erinnert.
• Mit Trittschallsensoren ausgestattete Teppichböden erkennen, ob der Bewohner gestürzt ist und nicht wieder allein aufstehen kann.
Diese Beispiele erscheinen ganz banal. Ich bin mir aber ganz sicher, das diese kleinen Hilfen eine große Wirkung haben werden.

In verschiedenen Projekten wird derzeit erprobt, wie bezahlbare Haustechnik zusätzlich mit haushaltsnahen Dienstleistungen gekoppelt werden kann.
• Das sind zum Beispiel vernetzte Rauchmelder, die nicht nur die Feuerwehr, sondern auch den Bewohner sowie die Nachbarn alarmieren, wenn er nicht zu Hause ist.
• Ein weiteres Beispiel sind Betreuungsprogramme für chronisch kranke Menschen, zu denen regelmäßige Vitalitätschecks gehören können.
Gerade ältere Menschen fühlen sich oft mit solchen Hilfsangeboten sicherer – und auch die Angehörigen sind beruhigter.


Meine Damen und Herren,
natürlich können wir letztendlich nicht verhindern, dass viele Menschen am Ende ihres Lebens doch pflegebedürftig werden. Aber dann kann es nicht sein, dass unsere qualifizierten Pflegekräfte ihre Zeit vor allem mit Routinearbeiten verbringen müssen. Wir wollen sie mit allen Kräften bei ihrer verantwortungsvollen Aufgabe unterstützen, damit ihnen mehr Zeit für die menschliche Zuwendung bleibt. Dabei wird zukünftig auch die Technik einen immer größeren Beitrag leisten.

Ambient Assisted Living ist letztendlich nicht denkbar ohne die Medizintechnik. Gerade in diesem Bereich zeigen sich große Herausforderungen aber auch enorme Chancen. Seit Jahren unterstützt mein Ministerium die medizintechnische Forschung. Im Rahmen der Hightech-Strategie der Bundesregierung ist dieser Bereich spürbar aufgewertet worden. Gesundheitsforschung und Medizintechnik gehören darin zu den wichtigsten Innovationsfeldern.

Eine im Auftrag meines Ministeriums erarbeitete und publizierte Studie zur Medizintechnik hat gezeigt, dass deutsche Unternehmen mit 12 Mrd. € Umsatz und ca. 85.000 Beschäftigten nach den USA und Japan der drittgrößte Anbieter von medizintechnischen Produkten sind. Mit einem Welthandelsanteil von ca. 15% sind wir der zweitgrößte Exporteur hinter den USA und stellen den größten nationalen Markt in Europa dar.

In dieser Studie werden drei wesentliche Trends genannt:
• Miniaturisierung, die die Möglichkeiten der Mikrosystemtechnik und Nanotechnologie beispielsweise bei der Entwicklung neuer Implantate nutzt.
• Computerisierung, die sich mit einem erhöhten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie wie in der Telemedizin und der Bildgebung verbindet,
• Molekularisierung, die insbesondere in der regenerativen Medizin mit einer zunehmenden Annäherung von Medizintechnik und Biotechnologie einhergeht

Anders gesagt: Die eingesetzten Systeme werden immer kleiner, sie sind mit Computern vernetzt und sie erreichen in ihren Dimensionen die Ebene der Moleküle und Atome.

Die Projektförderung meines Ministeriums greift diese Trends Technologie übergreifend und flexibel auf. Ihr übergeordnetes Ziel ist die Anwendung zum Wohle der Patienten. Entsprechende Initiativen verteilen sich traditionell über mehrere Fachprogramme. Sie wurden erstmals 2007 im "Aktionsplan Medizintechnik" gebündelt und der Öffentlichkeit vorgelegt. Die medizinische Unterstützung für die alternde Gesellschaft steht in diesem Aktionsplan ganz oben.

Zu den Fokusthemen gehören beispielsweise Innovative Hilfen für Rehabilitation und Behinderte sowie Intelligente Implantate: Hiermit wollen wir erreichen, älteren aber auch jüngeren behinderten Menschen ein selbstständiges und aktives Leben mit Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

Meine Damen und Herren,
unser Gesundheits- und Pflegesystem muss auch in Zukunft bezahlbar bleiben. Am besten ist es, wenn gravierende körperliche oder geistige Beeinträchtigungen gar nicht erst entstehen. Die beste Sparmaßnahme ist immer noch die Prävention.

Ein hervorragendes Beispiel ist das Telemonitoring, dessen Entwicklung mein Ministerium über die Förderung von "Intelligenten Technische Textilien" und "Präventive MikroMedizin" mit 20 Mio. € fördert.

Beim TeleMonitoring messen medizinische Sensoren am Körper des Patienten Vitalparameter wie Blutdruck, Blutzucker oder Sauerstoffsättigung und senden sie per Mobilfunk oder Internet an den Arzt. Damit werden teure Krankenhausaufenthalte oft überflüssig.

Für die Krankenkassen ergeben sich daraus enorme Einsparungen. Die „KKH“ (Kaufmännische Krankenkasse) hat das anhand von 250 Herzpatienten genau untersucht und kam auf einen Rückgang der Behandlungskosten um 20 Prozent! Die Krankenkasse erwartet eine Kosteneinsparung von mehr als 1.300 € pro Patient und Jahr, bei bestimmten Risikogruppen sogar um bis zu 5.000 €.

Wenn Sie bedenken, dass unser Gesundheitssystem jedes Jahr 35 Mio. € allein für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ausgibt, ergibt sich hier ein gigantisches Potenzial.

Echte Gewinner sind aber vor allem die Patienten selbst, nicht zuletzt weil sie in ihren eigenen vier Wänden bleiben können. Die Akzeptanz ist entsprechend hoch. Befragungen haben ergeben, dass die Patienten am Telemonitoring vor allem die schnelle Hilfe, die erhöhte Sicherheit, eine verbesserte Betreuung und Lebensqualität schätzen.

Meine Damen und Herren,
auf diesen Ansätzen müssen wir weiter aufbauen. Die Bundesregierung ist sich ihrer Verantwortung für die Bewältigung des demographischen Wandels sehr bewusst. In meinem Ministerium wird allein das Programm Mikrosysteme jährlich über 10 Mio. € für Ambient Assisted Living zur Verfügung stellen.

Noch in diesem Frühjahr werden wir im Rahmenprogramm „Mikrosysteme“ die erste Bekanntmachung zum Thema „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben“ veröffentlichen.

Unser Ziel ist es, älteren Menschen so lange wie möglich ein Leben in der gewohnten und vertrauten Umgebung zu ermöglichen, um Krankenhaus- bzw. Heimaufenthalte zu reduzieren, im besten Fall zu vermeiden. Hier wollen wir früh ansetzen. Wir wollen verhindern, dass Menschen überhaupt erst pflegebedürftig werden.

Sehr viele Pflegefälle entstehen, wenn der Bewegungsapparat nicht mehr funktionstüchtig ist, wenn Herz und Kreislauf nicht mehr optimal arbeiten, wenn es mit dem Sehen und Hören schlechter wird oder wenn ein Schlaganfall eintritt. Kommen mehrere dieser alterstypischen Probleme zusammen, steigt obendrein die Gefahr eines schweren Sturzes.

Hierfür brauchen wir noch mehr innovative Ansätze! Wir brauchen intelligente, zuverlässige und altersgerechte Assistenzsysteme, die sich ins häusliche Umfeld optimal integrieren und größte mögliche Sicherheit bieten. Wir brauchen ganzheitliche Lösungen, die auf neuen Technologien, Diensten und Dienstleistungen basieren.

Dabei erscheint uns eine regionale Konzentration sinnvoll. In unserem Förderungsschwerpunkt werden wir deshalb den Aufbau von lokalen Netzwerken aus Anbietern von Gesamtsystemen, Unternehmen, Dienstleistern, Wohnungswirtschaft, Ärzten, Krankenkassen, Nutzern und Landespolitik unterstützen. So können die spezifischen regionalen Besonderheiten in der Stadt oder auf dem Land gezielter adressiert werden.


Meine Damen und Herren,
„Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben“ sind ein ehrgeiziges Ziel. Ein Ziel, das nur mit dem Engagement und dem Know-how von vielen Wissenschaftlern, Entwicklern und Unternehmern erreicht werden kann.

Ich möchte Sie alle dazu auffordern, sich aktiv an diesem Prozess zu beteiligen. Nutzen Sie diesen Kongress für neue Kontakte und zur Entwicklung wegweisender Projekte!

Dabei ist der demographische Wandel kein rein deutsches Phänomen, sondern vollzieht sich weltweit – in manchen hochindustrialisierten Ländern wie Japan schneller, in anderen etwas langsamer.

Unternehmen, die in Ambient Assisted Living investieren, können zukunftsweisende Geräte, Systeme und Dienstleistungen für einen wachsenden Weltmarkt entwickeln. Deutschland verfügt hier über eine sehr gut aufgestellte Industrie, die sich auf viele innovative kleine und mittlere Unternehmen stützt.

Uns bieten sich hier enorme Chancen. Deutschland und Europa können bei dem Zukunftsthema „Ambient Assisted Living” eine weltweite Vorreiterrolle einnehmen. Auf Initiative der Bundesregierung wird die EU demnächst ein Förderprogramm starten. Auch hier wird es bereits in diesem Jahr erste Ausschreibungen geben.

Ich ermuntere Sie dazu, sich auch an den europäischen Verbundprojekten aktiv zu beteiligen. Am dritten Kongresstag werden Sie Gelegenheit haben, beim EU-Partnering-Day potenzielle Projektpartner kennen zu lernen. Nutzen Sie diese Chance und bringen Sie Ambient Assisted Living made in Germany in die Welt!

Meine Damen und Herren,
schließen möchte ich mit einer weiteren Erkenntnis des bereits eingangs erwähnten Cicero: „Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu...“

Wir werden nicht das Alter und die damit einher gehenden Beschwerden abschaffen, aber mit den innovativen Ideen und Projekten, mit neuen Hilfsmitteln, Konzepten und Dienstleistungen von Ihnen allen, mit Hilfe der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Industrie, Dienstleistern, Verbänden und Politik können wir die Einstellung zum Alter – und nicht nur die ! - erheblich verbessern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen für die nächsten Tage anregende Diskussionen, jede Menge neue spannende Kontakte, zahlreiche Ideen und viel Schwung für wegweisende neue Projekte.