Thomas Rachel MdB erläuterte dem CareTRIALOG mehr zu Altersgerechten Assistenzsystemen aus politischer Sicht


Datum: 24.01.2012

Der 5. Deutsche AAL-Kongress vom 24. bis 25. Januar 2012 wird bereits zum fünften Mal gemeinsam von BMBF und VDE ausgerichtet. Er avancierte in den vergangenen vier Jahren zum Leitkongress im Innovationsfeld "Altersgerechte Assistenzsysteme". Technik soll Menschen in allen Lebenssituationen unterstützen: von der Arbeitswelt, über die soziale Teilhabe bis zur Mobilität. Beim Kongress werden praktische Anwendungsbeispiele, Konzeptstudien von morgen und technische Lösungen von heute diskutiert. Wie jedes Jahr bietet er Forschern und Entwicklern, Herstellern und Anwendern sowie Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verbänden eine Plattform zu einem intensiven Meinungs-, Informations- und Wissensaustausch.

Herr Thomas Rachel MdB, Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF erläuterte dem CareTRIALOG mehr zu Altersgerechten Assistenzsystemen aus politischer Sicht.

Herr Staatssekretär Rachel, welchen Stellenwert haben Assistenzsysteme für Senioren vor dem Hintergrund des demografischen Wandels?

Kaum eine Entwicklung wird Deutschland in den kommenden Jahren so prägen wie der demographische Wandel. Die Alterung und die Abnahme der Bevölkerung lassen sich kurzfristig zwar nur wenig beeinflussen. Wir können die Folgen der demographischen Veränderungen jedoch aktiv mitgestalten.

Am 30.11.2011 hat das Bundeskabinett die "Forschungsagenda der Bundesregierung für den demographischen Wandel: Das Alter hat Zukunft" beschlossen. Mit der Forschungsagenda legt erstmals eine Deutsche Bundesregierung ein ressortübergreifendes Forschungskonzept zum demographischen Wandel vor. Die Bundesregierung bündelt hierin die Forschungsprogramme der Ressorts und richtet sie konsequent auf die Herausforderungen und Chancen einer Gesellschaft des längeren Lebens aus.

Bei der Lektüreder Forschungsagenda wird Ihnen an verschiedenen Stellen der Begriff der Altersgerechten Assistenzsysteme begegnen. Gemeint sind damit technische Systeme, die in Kombination mit weiteren Maßnahmen die Selbstständigkeit älterer Menschen stärken und ihre Lebensqualität erhöhen. Ganz wichtig ist  dabei, nur solche Lösungen zu entwickeln, die die Würde des Menschen uneingeschränkt wahren.

Das BMBF sieht Assistenzsysteme als einen wichtigen Beitrag für die Gestaltung der Auswirkungen des demografischen Wandels – Stichwort Pflegenotstand. Doch es ist uns selbstverständlich klar, dass sich die Herausforderungen dieses Prozesses nicht allein mit technischen Systemen bewältigen lassen. Insgesamt bieten Forschung und Innovation hier aber ein großes Potenzial. Und das soll die Forschungsagenda zum Ausdruck bringen.

Und wie wichtig sind diese Systeme für Pflegekräfte und Ärzte?

Ein wesentliches Ergebnis einer vom BMBF in Auftrag gegebenen Online-Umfrage zum Thema „Assistierte Pflege von morgen“ war, dass bei den Experten ein sehr hohes persönliches Interesse und eine hohe Erwartung an die Bedeutung des Themas für die Zukunft vorhanden sind. Assistenzsystemen wird eine breite Einsatzmöglichkeit in der Pflege attestiert, vor allem IKT-Lösungen. Dabei werden eher Schrittinnovationen basierend auf vorhandenen Produkten bevorzugt, z. B. Notruf oder Pflegedokumentation. Als wichtigste Nutzer von Assistenzsystemen werden Patienten, Angehörige und Pflegepersonal genannt.

Welche Projekte verfolgt das Bundesforschungsministerium bereits zu AAL-Techniken?

Das BMBF fördert zurzeit über 50 Forschungsprojekte in den unterschiedlichen Feldern der Forschungsagenda. Dazu gehören aktuell  die Themen: Älter werden bei guter Gesundheit, gesellschaftliche Teilhabe, sicher und unabhängig wohnen und mit guter Pflege zu mehr Lebensqualität. Es handelt sich dabei ausschließlich um anwendungsorientierte Verbundprojekte, die alle Partner der Wertschöpfungskette zusammen bringen. Unter der Führung des späteren Systemanbieters kommen Forscher und Entwickler, Hersteller und Anwender zusammen, um gemeinsam innovativen Lösungen für den älteren Menschen zu schaffen.

Und welche neuen Initiativen werden bzw. müssen noch geschaffen werden?

Neue Initiativen werden an der ressortübergreifenden „Forschungsagenda der Bundesregierung für den demographischen Wandel: Das Alter hat Zukunft“ ausgerichtet sein, die unter Federführung des BMBF entwickelt wurde. Für die Umsetzung dieser Forschungsagenda wird das BMBF im Zeitraum der nächsten 5 Jahre rd. 415 Mio. Euro bereit stellen. Damit wird das bisherige Engagement bekräftigt und zugleich wird der Ansatz der „Altersgerechten Assistenzsysteme“ in Richtung zentraler gesellschaftlicher Fragestellungen erweitert.

Welche Möglichkeiten bietet das BMBF bzw. die Bundesregierung, um AAL-Projekte zu finanzieren?

Im Rahmen von Bekanntmachungen fördert das BMBF Verbundprojekte, die allerdings auch einen nicht unerheblichen Eigenanteil mitfinanzieren müssen. So steht z. B. im Rahmen der vom BMBF ausgeschriebenen Bekanntmachung „Assistierte Pflege von morgen - ambulante technische Unterstützung und Vernetzung von Patienten, Angehörigen und Pflegekräften" eine bedarfsorientierte ambulante Versorgung pflegebedürftiger Menschen auch in strukturschwachen Regionen. Dabei sollen technische Assistenzsysteme als Basis neuer Pflegeansätze eingesetzt werden. Wesentlich ist eine rasche Überführung der Forschungs- und Entwicklungsergebnisse in den Markt, so dass diese auch der heutigen Generation älterer Menschen zugutekommen.

Verhalten sich Angebot und Nachfrage bei Assistenzsystem schon die Waage – oder handelt es sich bisher eher um einen Markt mit noch nicht ausgeschöpften Geschäftspotentialen?

Eine neue Technologie braucht natürlich auch neue Rahmenbedingungen. Das ist für die Einbettung in den jeweiligen Anwendungskontext ebenso gültig wie für die Marktbedingungen und Geschäftsmodelle. Hier sehen wir zurzeit schon sehr gut funktionierende Beispiele. Und ich bin mir sicher, dass sich mit einem zunehmenden Angebot auch der Markt entwickeln wird. Wenn neue und sinnvolle Lösungen entstehen, werden diese auch nachgefragt.

Beim letzten Bürgerdialog „Hightech-Medizin“ wünschten sich die Teilnehmer u.a., trotz bzw. gerade wegen des Fortschritts der (anonymen) Telemedizin zusätzlich Pflegedienste vor Ort einzubeziehen und sie erst recht auszubauen. Sind die Menschen – gerade ältere – eigentlich bereit, so viel Technik in ihr Leben zu lassen?

Wie ich eingangs schon erwähnt hatte, kann sich die Gestaltung einer Gesellschaft des längeren Lebens in der Tat nicht auf technologiebezogene Forschung beschränken. Aber technologische Innovationen können wertvolle Beiträge leisten, wenn es darum geht, die Lebensqualität und die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen zu verbessern. Dies gilt auch für die Gewährleistung einer qualitativ hochwertigen Pflege. Natürlich muss dies im Zusammenspiel mit der Weiterentwicklung der Pflegeorganisation, der verbesserten Anerkennung von Pflege und anderem geschehen. Doch angesichts der absehbaren Engpässe in der Pflege scheint es unumgänglich, auch über neuartige und assistierte Pflegekonzepte nachzudenken. Wichtig ist, dass dabei stets der Mensch im Mittelpunkt steht. Technik darf nicht entmündigen, sondern muss die Selbstbestimmung des Menschen fördern und seine Würde schützen. Aus diesem Grund ist das erste Forschungsfeld der Forschungsagenda auch den „Grundsatzfragen einer Gesellschaft des längeren Lebens“ gewidmet und werden unsere Forschungsaktivitäten systematisch in Untersuchungen sowohl zu Fragen der Nutzerintegration als auch zu den jeweils relevanten sozialen, rechtlichen und ethischen Aspekten eingebettet.

Ihre Prognose: Was kann und wird AAL-Technik zukünftig leisten – wo aber sind die Grenzen? (Also: Wofür wird es weiterhin persönliche Pflegekräfte, Ärzte brauchen?)

Ich möchte die Frage gern anders stellen: Was soll AAL-Technik zukünftig leisten? Altersgerechte Assistenzsysteme sollen Menschen unterstützen und befähigen, nicht entmündigen und auch nicht ersetzen. Für uns gilt daher, dass die technischen Innovationen stets auch gesellschaftliche Innovationen fördern. Also ein Mehr an Mitmenschlichkeit und Fürsorge.

AAL- Kongress wie Förderungen zielen in erster Linie auf Senioren. Kommen junge Pflegebedürftige oder Behinderte dabei nicht zu kurz...?

Der Terminus „altersgerechte Assistenzsysteme“ legt die Zielgruppe der Förderung recht eindeutig fest. Aber wie schon erwähnt, werden diese Lösungen nur im Zusammenwirken mit anderen Maßnahmen ihr Potenzial voll entfalten können. Die Forschungsagenda ist Teil eines umfassenden Maßnahmenbündels der Bundesregierung. Forschung und Innovation können einen wertvollen Beitrag dazu leisten, die Lebensqualität und gesellschaftlichen Teilhabe älterer Menschen zu verbessern. Und davon profitieren alle Generationen.

Die Forschungsagenda der Bundesregierung für den demographischen Wandel „Das Alter hat Zukunft“ im Internet: www.das-alter-hat-zukunft.de