10. GAIN-Jahrestagung


Datum: 13.09.2010

Meine Rede anlässlich der 10. GAIN-Jahrestagung vom 10. – 12. September 2010 in Boston

Die Einladung zur Gain-Jahrestagung habe ich sehr gern angenommen. Dass dieses Treffen der deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nunmehr zum zehnten Mal stattfindet, mit ständig steigendem Zuspruch, zeigt zweierlei: Ihr Interesse an der wissenschaftspolitischen Entwicklung in Deutschland und das gute Management der Organisatoren.
Ich freue mich, Sie heute – auch im Namen von Bundesministerin Annette Schavan –begrüßen zu können. Bei meinem Besuch der Tagung vor drei Jahren war die Aufbruchstimmung, die mit den Initiativen der Bundesregierung eingesetzt hat, deutlich zu spüren. Und ich bin gespannt, in den Gesprächsrunden mit Ihnen zu erfahren, wie Sie die weitere Entwicklung in Deutschland wahrnehmen und welche Wünsche oder Erwartungen Sie an die Politik haben.
Meine Damen und Herren,
Wissenschaft und Forschung brauchen die kontinuierliche Erneuerung. Deshalb brauchen wir den Austausch und den Wechsel von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen in
unterschiedliche Positionen, Orte und Staaten als ein Wesensmerkmal des wissenschaftlichen Arbeitens. Dieser Austausch ist auch eine wichtige Voraussetzung für wissenschaftliche Exzellenz. Deutschland profitiert von der „Zirkulation der Expertise“ – es geht weder um Brain Drain noch um Brain Gain. Das zeigt auch die neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung über Auswanderung:
Ja, die internationale Migration der Deutschen hat sich seit den siebziger Jahren verdreifacht. Und die Hochqualifizierten stellen unter den Auswanderern mit rund 50 Prozent die größte Gruppe. Doch die große Mehrheit nutzt dies, um den Horizont zu erweitern und Erfahrungen zu sammeln, aber sie bleibt nur für eine gewisse Zeit der Heimat fern. Und gerade auch „die besten der Besten“ entscheiden sich nach einigen Jahren für eine Rückkehr. Die internationale Wissenschaft benötigt ein starkes Netzwerk von klugen Köpfen auf der ganzen Welt und Sie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bilden solch ein Netzwerk. Dass auch die meisten von Ihnen zurückkehren, wünschen wir uns. Viele von Ihnen forschen mit Stipendien aus Mitteln unseres Hauses an bedeutenden Forschungseinrichtungen: Eine Bereicherung für die Institutionen und für Sie selbst, und für den deutschen Wissenschaftsstandort, wenn Sie zurückkehren.

Meine Damen und Herren,

Wir führen zur Zeit eine Debatte, wie wir den zukünftigen Fachkräftebedarf meistern wollen. Langfristig wird sich das Angebot an gut qualifizierten Arbeitskräften aufgrund der demografischen Entwicklung verknappen. Die Lücke wird größer, und vergrößert die Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt: Es werden qualifizierte Kräfte gesucht. Gerade jetzt, wo die Konjunktur wieder anspringt, wird der Fachkräftemangel vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, aber auch in den Pflege- und Gesundheitsberufen, sichtbarer. Viele Betriebe suchen nach Personal. 70 Prozent der Unternehmen, so eine Umfrage, haben bereits Probleme, entsprechende Stellen zu besetzen. Es werden bis 2030 sechs Millionen Arbeitskräfte fehlen, so die Angaben des Statistischen Bundesamtes.
Zuwanderung ist gut und sinnvoll, sie kann aber nur ein Beitrag zur Beseitigung des Fachkräftemangels sein. Wir müssen Hindernisse ausräumen und attraktive Rahmenbedingungen schaffen. Der internationale Wettbewerb um hochqualifizierte Fachkräfte ist intensiv – wir müssen uns anstrengen, um für internationale Talente und Spitzenkräfte attraktiv zu sein. Und das tun wir.
Innerhalb der Bundesregierung diskutieren wir über die „Blaue Karte EU“. Ziel dieser Hochqualifiziertenrichtlinie ist die Erleichterung und Förderung der Zuwanderung Hochqualifizierter aus Drittstaaten, um die EU im internationalen Wettbewerb um die „besten Köpfe“ attraktiver aufzustellen. Das BMBF begrüßt diese Richtlinie und setzt sich dafür ein, dass die weit reichenden Gestaltungsspielräume bei der Umsetzung der Richtlinie im Sinne der Hochqualifizierten genutzt werden.
Seit 2008 (Beschlüsse von Meseberg) hat die Bundesregierung die Regeln für den Verbleib ausländischer Studierender nach Studienabschluss in Deutschland kontinuierlich verbessert. So hat z.B. ein ausländischer Absolvent, der vier Jahre in Deutschland studiert hat und direkt einen ausbildungsadäquaten Arbeitsplatz findet, schon nach einem Jahr Erwerbstätigkeit unbegrenzten Arbeitsmarktzugang und nach 5 Jahren versicherungspflichtiger Beschäftigung eine unbegrenzte Niederlassungserlaubnis.
Doch auch auf ideeller Ebene sollen die Bindungs- und Anziehungskräfte des Landes gestärkt werden. Qualifizierte Kräfte, deutsche wie internationale, Rückkehrer wie
Neuankömmlinge, Spitzenkräfte in Wissenschaft und Forschung sollen sich sowohl in einem attraktiven beruflichen Umfeld als auch in Deutschland insgesamt willkommen fühlen. Dafür wollen wir uns einsetzen. Und daher werben wir auch um Sie.
Bildung und Forschung haben für die Bundesregierung oberste Priorität. In dieser Legislaturperiode wird der Bund 12 Milliarden Euro zusätzlich in Bildung und Forschung investieren. Dazu gehört auch der weitere Ausbau der Studienfinanzierung. Der Dreiklang aus BAföG, Bildungsdarlehen und Stipendien soll allen begabten jungen Menschen ein Studium ermöglichen. Das ist ein klares Bekenntnis in einer schwierigen Haushaltslage. Damit hält die Bundesregierung an dem Ziel fest, dass im Jahr 2015 für Bildung und Forschung zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausgegeben werden. Allein in Bildung investiert sie deshalb in dieser Legislaturperiode 6 Mrd. Euro.
Vor dem Hintergrund des prognostizierten Fachkräftemangels in der Wirtschaft ist es eine große Chance, dass in den nächsten zehn Jahren die Zahl der Studieninteressierten steigt. Um den erwarteten Studierendenansturm nicht mit schlechteren Studienbedingungen für die doppelten Abiturjahrgänge zu beantworten, werden Bund und Länder mit dem
Hochschulpakt zwischen 2011 und 2015 insgesamt 275.000 zusätzliche Studienmöglichkeiten schaffen. Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen, dass in 2009 mit 423.000 Studienanfängern und einer Studienanfängerquote von 43,3% Rekordmarken für Deutschland erreicht wurden. Davon haben auch die MINT-Fächer profitiert.
Im Hinblick auf das deutsche Wissenschaftssystem haben Bund und Länder mit ihren Beschlüssen zur Fortsetzung des Hochschulpakts, der Exzellenzinitiative und des Pakts für Forschung und Innovation wesentliche Zeichen gesetzt und Aufbruchsstimmung und Dynamik in unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen ausgelöst. Die Erfolge sind sichtbar:
Die Exzellenzinitiative hat durch ihr wissenschaftsgeleitetes und wettbewerbliches Verfahren nicht nur in den geförderten Hochschulen profilbildende Wirkung erzeugt, sie hat auch international große Anerkennung erfahren. In den 39 Graduiertenschulen, von denen 34 mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen kooperieren, wird der wissenschaftliche Nachwuchs gefördert und zum Teil fakultäts- und fächerübergreifend zusammengearbeitet. In 37 Exzellenzclustern findet Forschung auf internationalem Spitzenniveau statt, die in der Regel mindestens 2 Fachgebiete
integrieren und über ausgeprägte Kooperationen mit regionalen, nationalen und internationalen Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft verfügen. 9 Universitäten können mit Zukunftskonzepten ihre Ideen verwirklichen, wie sie sich als Institution in der internationalen Spitzengruppe etablieren wollen. In allen Zukunftskonzepten spielt der Ausbau der internationalen Vernetzung als Querschnitts- und Leitungsaufgabe eine wichtige Rolle. Bisher konnten rund 4.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rekrutiert werden, davon ca. 25% aus dem Ausland. Die nächste Auswahlrunde der Exzellenzinitiative hat begonnen. Auf der Basis eines wissenschaftsgeleiteten Auswahlverfahrens ist die gemeinsame Förderentscheidung über Fortsetzungs- und Neuanträge für den Sommer 2012 geplant.
Der Pakt für Forschung und Innovation verstärkt und beschleunigt die dynamische Entwicklung in der außeruniversitären Forschung. Er versetzt die außeruniversitären Forschungseinrichtungen Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Leibniz-Gemeinschaft sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft als Förderorganisation der Hoch-schulforschung in die Lage, ihre Position unter den weltweit besten nachhaltig zu sichern und gibt ihnen auch finanzielle
Planungssicherheit: Für die Jahre 2011 – 2015 werden die Zuwendungen an die Partner des Pakts um jährlich 5% gesteigert. Dies bedeutet, dass 4,9 Mrd. Euro zusätzlich bereitgestellt werden. Mit dem forschungspolitischen Ziel „Die Besten dauerhaft für die deutsche Wissenschaft gewinnen“ verpflichten sich die Wissenschaftsorganisationen beispielsweise, Gesamtkonzepte zur umfassenden Nutzung des wissenschaftlichen Potenzials von Frauen zu etablieren. Sie sollen signifikante Änderungen in der quantitativen Repräsentanz von Frauen insbesondere in anspruchsvollen Positionen des Wissenschaftssystems realisieren.
Meine Damen und Herren,
Die Zukunftsaufgaben in den Bereichen Klima/Energie, Gesundheit, Mobilität, Sicherheit und Kommunikation sind nur durch Kooperation zu meistern. Zudem ist es gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten entscheidend, Synergien zu nutzen. Deshalb entwickeln wir die Hightech-Strategie der Bundesregierung weiter. Cluster sind für diese Aufgaben gut aufgestellt. Sie zeichnen sich durch eine Kombination aus inhaltlicher und räumlicher Nähe der Mitwirkenden aus. Unternehmen, wissenschaftliche Einrichtungen und weitere Akteure einer Region arbeiten in wissenschaftlich und wirtschaftlich aussichtsreichen Zukunftsfeldern eng zusammen.
Die Kooperation entlang der gesamten Innovationskette bringt allen Beteiligten Vorteile: Sie können sich auf ihre jeweiligen Stärken konzentrieren und diese weiter ausbauen, um neue Ideen in wirtschaftlichen Erfolg umzusetzen. Cluster, genauer gesagt Spitzencluster, haben das Potenzial, die Innovationsfähigkeit zu steigern. Sie tun dies durch
- verstärkten Austausch von Wissen,
- innovativere Produktentwicklung und
- schnellere Wege vom Labor auf den Markt sowie durch
- eine größere Anziehungskraft einer Region für in- und ausländische Fachkräfte.
Daher hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2007 den Spitzencluster-Wettbewerb ins Leben gerufen, der sich zum Flaggschiff der Hightech-Strategie entwickelt hat. Inzwischen sind zehn Spitzencluster auf Kurs, jeweils mit 40 Mio. Euro gefördert.
Wichtig ist der Grundansatz unserer Hightech-Strategie, dass man nicht bei der Förderung von Forschung und Technologie stehen bleibt. Innovationen werden von Menschen gemacht; sie müssen von Menschen umgesetzt und von Menschen gekauft werden, um zum Erfolg zu werden. Dazu benötigen wir Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Die Spitzen-Cluster sollen
hier an zwei Stellen ansetzen. Zum einen werden Ausbildungsplätze, Studiengänge oder Stiftungsprofessuren in zukunftsträchtigen Branchen unterstützt. Zum anderen sollen die Cluster international Ausstrahlungs- und Anziehungskraft entfalten. Damit die Spitzenkräfte von morgen nach Deutschland kommen, in Deutschland bleiben oder nach Deutschland zurückkehren. Mit der engen Verbindung von Forschung und Bildung betritt der Spitzencluster-Wettbewerb als Förderinstrument in einem weiteren Punkt wichtiges Neuland. In diesem Bereich stehen wir letztlich auch als Europäische Union im Wettbewerb mit den führenden Innovationsregionen der Welt.
Der Spitzencluster-Wettbewerb ist sozusagen die eher unternehmensorientierte Ergänzung zur Exzellenzinitiative und zeichnet sich dementsprechend durch eine starke Wirtschaftsbeteiligung (50 % der Mittel) aus. Damit bieten die Spitzencluster interessante Beschäftigungsmöglichkeiten gerade für diejenigen, die stärker anwendungsorientiert arbeiten wollen. Dies ist auch meine Botschaft an Sie, die Sie ja nicht alle die Hochschullehrerlaufbahn einschlagen wollen.
Mit der für Ende des Jahres geplanten 3. Runde werden wir insgesamt ca. 1,2 Mrd. € mobilisiert haben, das bedeutet auch zahlreiche neue Stellen in öffentlichen Einrichtungen und in der Wirtschaft für Forscherinnen und Forscher. Das Interesse der Cluster an qualifizierten Mitarbeitern gerade aus dem Ausland ist groß, denn ein wichtiges Ziel ist die internationale Profilierung.
Meine Damen und Herren,
wenn wir auf Dauer international konkurrenzfähig bleiben wollen, dann müssen wir unser gesamtes Wissenschaftssystem auf Exzellenz, Wettbewerb und Innovation ausrichten und an unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen für attraktive und motivierende Arbeitsstrukturen sorgen. Wir müssen ein Umfeld schaffen, das zu schöpferischen Höchstleistungen motiviert. Die Ausgangsbedingungen sind gut. Deutschland verfügt – und da sind wir den USA nach meiner Einschätzung überlegen - über ein enges Netz an Hochschulen mit guter Breitenausbildung und dank der Exzellenzinitiative auch mit herausragenden Standorten. Die Einheit von Forschung und Lehre sowie eine Tradition der Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Wirtschaft gelten in vielen Ländern der Welt als Modell. Deutschland liegt in der Spitzengruppe der innovationsfreudigen Industriestaaten. Die
deutsche Wissenschaft hat international einen hervorragenden Ruf; sie nimmt in einigen Forschungsbereichen wie der Bio- oder Nanotechnologie sogar Spitzenpositionen ein. Deutschland ist für ausländische Studierende und Wissenschaftler attraktiv. Das spiegelt sich in den Zahlen wider:
Im internationalen Vergleich belegt Deutschland den 3. Platz bei der Zahl ausländischer Studierender nach USA und GB. In 2008 haben 70.000 ausländische Studierende ein Studium in Deutschland aufgenommen, fast 10% mehr als im Vorjahr. Fast jeder fünfte Doktorand in Deutschland kommt aus dem Ausland. 2009 haben sich knapp 18.000 eingeschrieben, doppelt so viele wie im Jahr 2000. An deutschen Hochschulen besitzen 11% der Mitarbeiter und 9% der Professoren eine ausländische Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2008 hielten sich 26.300 ausländische Wissenschaftler mit einer Förderung durch 38 Wissenschaftsorganisationen in Deutschland auf. Die Gründe, sich für Deutschland zu entscheiden sind vor allem der gute wissenschaftliche Ruf des jeweiligen Fachgebietes, die wissenschaftliche Qualität der Forschung sowie das Interesse an deutscher Kultur und Sprache.
30% der Institutsdirektoren und –direktorinnen sowie der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Max-Planck –Gesellschaft sind ausländischer Staatsbürgerschaft,
unter den Doktoranden beträgt der Anteil fast 50%. Jährlich sind mehr als 6.500 ausländische Gäste und Stipendiaten an Max-Planck-Instituten tätig. Mehr als 2.500 Forschungsprojekte werden mit über 6.500 Beteiligten im Ausland durchgeführt.
Kreativität, wissenschaftliche Exzellenz und die Freiheit zur Entfaltung von Talenten wie ihrer Förderung– das ist es, was wir in unserem Land in den nächsten Jahren gezielt weiter stärken werden. Deutschland braucht ein besseres Klima für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Und: Wissenschaft kennt keine Grenzen. Wir werden die Internationalisierung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie den internationalen Austausch und die Netzwerkbildung von Studierenden und Wissenschaftlern konsequent weiter fördern.
Dafür stehen auch die zahlreichen vom BMBF geförderten Stipendien- und Preisträgerprogramme wie insbesondere auch der Sofja Kovalevskaja-Preis für jüngere Wissenschaftler aus dem Ausland, die Alexander von Humboldt-Professur für etablierte Forscherinnen und Forscher wie auch der Leibniz-Preis, und viele andere Förderprogramme.
Dafür stehen auch alle hier versammelten ,von der Bundesregierung auf hohem Niveau geförderten, Forschungs- und Forschungsförderorganisationen, die durch wegweisende
Forschung wie Förderung der Wissenschaft, ihr Engagement und ihre Netzwerkarbeit, im Interesse des wissenschaftlichen Nachwuchses wirken .

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.