KAS-Gespräch mit Bundesministerin a.D. Annette Schavan

07.07.2017

- Das Reformationsjubiläum bietet eine ganz besondere Gelegenheit, die gesamtkulturelle Bedeutung des christlichen Glaubens  neu ins Bewusstsein zu rufen. Die Reformation war und ist keineswegs nur ein binnenkirchliches bzw. theologisches, sondern ein universales Ereignis unserer deutschen und europäischen Geschichte mit weitreichenden und letztlich weltweiten, wirkungsgeschichtlichen Folgen. Die Reformation war u.a. auch eine gesamtgesellschaftliche Bildungs-, Freiheits- und Emanzipationsbewegung. Sie ist somit ein unverlierbarer Teil unseres geistigen Erbes und unserer kulturellen Identität.

- Es geht also beim diesjährigen Reformationsjubiläum keineswegs nur um irgendwelche konfessionelle Sondertraditionen. Das lässt sich auf zweifache Weise veranschaulichen:

- Erstens: In einer zunehmend säkularisierten Zeit, in der die christlichen Grundlagen unserer Geschichte und Kultur immer mehr in den Hintergrund zu treten drohen, sind solche großen Ereignisse auch gesamtgesellschaftlich und politisch äußerst wertvoll.

Wie auch schon bei Kirchentagen, Katholikentagen, Weltjugendtagen oder Papstbesuchen profitieren wir allesamt in Deutschland von solchen Feierlichkeiten und Ereignissen.
Denn sie sind allesamt Zeugnisse einer vielschichtigen, lebendigen Christenheit und des Dienstes unserer Kirchen, die ihren  Auftrag  in und an dieser Welt haben.

- Und zweitens: Luther wollte keine Kirchenspaltung, sondern eine aus dem Geiste des Evangeliums Jesu Christi erneuerte Christenheit. Dass es am Ende in Deutschland und Europa anders kam, zeigt nicht zuletzt auch das Scheitern der abendländischen Christenheit insgesamt.

- Und darum gilt es vor allem zu beachten und zu würdigen: Nach Jahrhunderten der Konfessionskriege und Abgrenzungen sind wir seit dem letzten Jahrhundert in ein neues Zeitalter getreten, das wir - Gott sei Dank - mit Fug und Recht als das „ökumenische“ bezeichnen können.
- Es ist gut, dass wir dieses Jubiläum nicht mehr im
Un-Geist der konfessionalistischen Abgrenzung sondern eben der Ökumene, also im Geiste einer weitestgehend versöhnten Verschiedenheit, als gemeinsames „Christusfest“ feiern wollen.
- Denn in unserer heutigen pluralistischen Zeit wird schon unsere christliche Prägung selbst oft in Frage gestellt. Das Christliche in Kultur, Gesellschaft und Politik ist eben längst nicht mehr selbstverständlich. Daher ist es wichtig, wo es irgend geht, miteinander die ökumenischen Gemeinsamkeiten und nicht das Trennende zu betonen.
Und es ist wichtig, gemeinsam – trotz verbleibender Unterschiede – uns als Christinnen und Christen in Gesellschaft und Politik gemeinsam zu engagieren.

II. Papst Franziskus als Brückenbauer
- Papst Franziskus, der in erfrischender Weise diesem alt-ehrwürdigen Amt seit seiner Einführung im März 2013 neue persönliche Facetten verliehen hat, hat auch ökumenischerseits förderliche Akzente gesetzt. Das begann bereits mit seiner Amtseinführung, wo er sich selbst - geradezu demütig zurücknehmend - als „Bischof von Rom“ vorgestellt hat.
- Als erster Jesuit in diesem Amte lebt er gewissermaßen „immer schon mit der ökumenischen Frage“, wie Dorethea Sattler  vor einiger Zeit treffend festgestellt hat. Auch Ignatius von Loyola , direkter Zeitgenosse Martin Luthers, war ja auch vor allem ein Reformer. Franziskus will genau dies auch sein und das spürt man. Und das bringt ihm zu Recht viele Sympathien in seiner eigenen, aber auch in den anderen Kirchen auf der Welt ein. Er ist ein Papst, der etwas bewegen will – auch und gerade in seiner eigenen Kirche selbst, der er mitunter auch sehr selbstkritisch die Leviten zu lesen versteht.
- Und bereits sein Name ist Programm! Jorge Mario Bergoglio hat sich seinen Papst-Namen mit Bedacht ausgewählt:

Wie Franz von Assisi predigt Franziskus Bescheidenheit in der Nachfolge Christi und Demut. Als Lateinamerikaner tritt er für die Armen, Schwachen, Ausgegrenzten und Zurückgebliebenen dieser Welt ein.
Die sozial-karitative bzw. diakonische Dimension und Strahlkraft seines Pontifikats tritt damit deutlich zu Tage. Die große Verantwortung, die die Kirchen dieser Welt in Gesellschaft und Politik im gemeinsamen Zeugnis der Tat haben, wird bei ihm sehr deutlich. 
- Luther hat „dem Volk“ bekanntermaßen „aufs Maul geschaut“. Und auch Papst Franziskus ist ausgesprochen volksnah und spricht eine klare Sprache, die jeder versteht. Auch das verschafft ihm viele Sympathien.
- Papst Franziskus steht – ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils - für eine Wertschätzung und Anerkennung der Gaben, Früchte und Spuren des Heiligen Geistes in anderen Kirchentümern und Konfessionen. So ist dies – bei allem bleibend und schmerzhaft Trennenden - vor allem auch eine gelebte Ökumene der geistlichen Verbundenheit, für die der neue Papst steht.
- Das zeigt sich in vielen zeichenhaften und symbolträchtigen Begegnungen: Erstmals seit dem großen abendländischen Schisma  war bei der Amtseinführung von Franziskus als Bischof von Rom auch der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., zugegen. Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Douglas Williams, übrigens auch.
- Und ein weiteres großes und deutliches Zeichen war sein Besuch bei den schwedischen Lutheranern in Lund am Reformationstag im letzten Jahr mit der Feier eines gemeinsamen Gottesdienstes!
Das hat es in den letzten 500 Jahren zuvor noch nicht gegeben! Und dort sagte er dann auch die wegweisenden Worte: „Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und der Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden.“

III. Römische Perspektiven/Überleitung

- Ich freue mich also sehr. Heute Abend wollen wir uns – mit einer ausgewiesenen Expertin, die ja von Hause aus auch ursprünglich Theologin ist – über die wichtigen Fragen unserer Zeit aus christlicher Perspektive heraus austauschen und gemeinsam diskutieren:
- Es geht um die unverzichtbare christliche Stimme in dieser immer unruhiger, unübersichtlicher und in manchen Bereichen auch gefährlicher werdenden Welt.
- Wir sind nun gespannt auf Ihre „Römischen  Perspektiven“, die Sie, liebe Frau Botschafterin Schavan, uns jetzt präsentieren werden. Sie haben das Wort!