„Big Data und Medizininformatik: Wie kann die intelligente Verknüpfung von Patienten- und Forschungsdaten gelingen? - KassenGipfel 2017

13.02.2017

I
Die Digitalisierung - und mit ihr Big Data - ist in der Medizin angekommen! Die Anwendung moderner IT-Systeme in Kliniken und Arztpraxen sowie die Anwendung von Hoch-durchsatzverfahren in Diagnostik und biomedizinischer Forschung liefern heute immer mehr relevante Gesund-heits-, Forschungs- und Patientendaten in elektronischer Form. Und diese Datenmengen werden rasch weiter an-steigen! Sie repräsentieren einen Schatz, mithilfe dessen wir unser Gesundheitssystem und die Gesundheitsfor-schung verbessern können.

Viele Experten sehen in der:
• verbesserten, standardisierten Verfügbarkeit,
• interdisziplinären Integration und
• intelligenten, semantischen Auswertung von medizini-schen Daten
den Schlüssel für künftigen medizinschen Fortschritt.

Lassen Sie mich das anhand des Beispiels von Daten aus Versorgung und Forschung erläutern. Anders als medizini-sche Forschungsdaten, die häufig „molekulare Moment-aufnahmen“ einer Erkrankung darstellen, zeigen über ei-nen längeren Zeitraum bzw. Behandlungszeitraum aufge-nommene Patienten- und Versorgungsdaten die Entwick-lung einer Erkrankung auf. Sie dokumentieren eine Krank-heit in Entstehung und Verlauf! Die Zusammenschau von beidemkann Forschern und Ärzten ein tieferes Verständnis einer Krankheit eröffnen - mit allen Implikationen für eine bessere Diagnostik und Therapiewahl.

Ein weiteres Beispiel ist die Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte, alle Krankheitsbilder sowie verfügbare Diagno-se- und Therapieverfahren im Kontext des globalen medi-zinischen Wissens zu überblicken und in die richtige Diag-nose-/Therapieentscheidung umzusetzen. Fachleute sind überzeugt, dass Ärztinnen und Ärzte von professionell auf-bereiteten, aktuellen Forschungdaten und korrespondie-rendem medizinischen Wissen enorm profitieren würden. Spezielle IT-Werkzeuge könnten sie über diagnostische Werkzeugen, Therapien und Heilungsergebnisse für Krankheiten und seltene Erkrankungen informieren. Die Reihe von Beispielen ließe sich fortsetzen.

Wir sind der Meinung: Um künftig noch bessere Diagnose- und Therapie-Verfahren zu entwickeln und die Patienten-versorgung und das Gesundheitssystem Deutschlands weiter zu verbessern, ist die intelligente Verknüpfung von Forschungsdaten, klinischen Daten und Daten aus der Pa-tientenversorgung mit dem aktuellen Stand verfügbarer medizinischer Informationen und medizinischen Wissens eine wichtige Option.

II
Doch auf welche Weise können die häufig heterogenen Da-ten zu neuen Informationen und anwendbarem medizini-schen Wissen transformiert werden?

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
genau an dieser Stelle besteht Forschungs- und Hand-lungsbedarf. Gute Ideen und schlüssige Antworten auf eine Reihe bedeutsamer Fragen sind erforderlich.

• Wie können wir Daten aus der medizinischen Versor-gung besser für die Forschung nutzbar machen und umgekehrt?
• Wie kommen wir zu gemeinsamen IT-Lösungen und Standards, und wie lassen sich diese schnell und ein-fach in der Praxis umsetzen?
• Wie können Aspekte des Datenschutzes sowie rechtli-che und ethische Fragen adäquat einbezogen wer-den?
• Was können die Ärztinnen und Ärzte/Patientinnen und Patienten/Forscherinnen und Forscher konkret zum Gelingen beitragen?
• Wie gelingt es uns, die Akteure des Gesundheitswe-sens, auch die skeptischen unter ihnen, von den Vor-teilen des Teilens von Daten zu überzeugen?

Auch wenn ich Ihnen keine abschließende Antworten auf diese und weitere Fragen geben kann, so bin ich über-zeugt:
Wir werden nur erfolgreich sein, wenn wir gemeinsam eine Brücke zwischen medizinischer Versorgung und For-schung schlagen. Es bedarf der engen Zusammenarbeit und Vernetzung und vor allem auch der Bereitschaft aller Beteiligten des Gesundheitswesens, Daten zu teilen – über die Grenzen von Organisationen, Kliniken, Praxen und Dis-ziplinen hinweg.

Wie sich aktuell zeigt, liegt noch ein gutes Stück des Weg-es vor uns. Einer Studie zufolge teilen über 80 % der Ärz-tinnen und Ärzte in Deutschland die Daten ihrer Patientin-nen oder Patienten innerhalb ihres Hauses – etwa um die eigenen Behandlungsresultate zu verbessern. Nur knapp 30 % teilen diese Daten mit anderen Einrichtungen. Und bei nur 3 % der Ärztinnen und Ärzte können Patientinnen und Patienten elektronisch auf ihre eigenen Daten zugreifen. Etwa, um ihren Lebensstil unter präventiven Aspekten zu verändern. Andere sind da schon deutlich weiter. Etwa un-sere skandinavischen Nachbarn oder einzelne Regionen in Spanien.

III
Sie werden nun fragen: Welchen Beitrag kann und wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung leisten, um die Vision eines vernetzten und kompetitiven Gesundheits-systems umzusetzen?
Darauf möchte ich Ihnen antworten:
• Mit der Digitalen Agenda der Bundesregierung greifen wir die Digitalisierung in der Medizin in den Bereichen Medi-zininformatik, Telemedizin und eHealth auf und widmen uns ihnen im Sinne einer gesellschaftlichen Zukunftsauf-gabe.
• Mit der neuen Hightech Strategie und dem Rahmenpro-gramm Gesundheitsforschung stellen wir die Weichen, um die Chancen der Digitalisierung in der Medizin in Deutschland zu nutzen.
• Mit unseren Förderschwerpunkten setzen wir Impulse an wichtigen Hebelstellen im Gesundheitssystem.
Unser Handeln wird von der Vision getragen, ein Gesund-heitssystem zu entwickeln, in dem die bestmögliche Ver-sorgung des Patienten stets gewährleistet ist, weil „die richtige Person die richtige Information zur richtigen Zeit“ hat.

Einen großen Schritt voran machen wir mit dem Förder-konzept Medizininformatik: Daten vernetzen – Patienten-versorgung verbessern. Sein Ziel ist die Etablierung deutschlandweit vernetzter IT-Infrastrukturen. Die Patien-tenversorgung und Forschungsmöglichkeiten sollen mit innovativen IT-Lösungen verbessert, der Datenaustausch und die gemeinsame Datennutzung zwischen Forschung und Versorgung befördert und die Medizininformatik in Forschung, Lehre und Weiterbildung zukunftsorientiert aufgestellt werden.

Mit 100 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren un-terstützen wir die Etablierung von „Datenintegrationszen-tren“ an deutschen Universitätskliniken und Partnereinrich-tungen. Sie sollen zeigen, wie Daten, Informationen und Wissen aus Krankenversorgung, klinischer und biomedizi-nischer Forschung, unter Einhaltung der Datenschutzvor-schriften künftig nicht nur punktuell, sondern flächende-ckend über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg integriert und genutzt werden können. Die Konsor-tien werden medizinische „Use Cases“ für spezifische In-dikationen definieren und für sie exemplarische IT-Lösungen erarbeiten. Die Funktionalität der Lösungen und ihr Nutzen für die Patientenversorgung liefern die Bewer-tungskriterien für den Erfolg eines Konsortiums – und der Fördermaßnahme.
Mit unserer Initiative Medizininformatik soll anwendbares medizinisches Wissen generiert werden, das am Kranken-bett zu spürbaren Verbesserungen für die Patienten führt.

Arbeiten alle relevanten Akteure konsequent auf das ge-meinsame Ziel hin, so werden wir bereits in fünf Jahren erste, innovative, interoperable IT-Lösungen in Händen hal-ten. Diese können die Lebensqualität, Überlebensraten und Heilungschancen von Patienten erhöhen!

Erfolgreiche Lösungen müssen natürlich in die Breite Deutschlands transferiert werden. Mittelfristig sollen mög-lichst viele deutsche Kliniken in den Prozess eingebunden werden. Perspektivisch auch niedergelassene Ärztin-nen/Ärzte, Pflegerinnen/Pfleger und Patientinnen/Patienten.

Im Rahmen der Förderinitiative Medizininformatik erarbei-ten derzeit sieben Konsortien Konzepte für die Aufbau- und Vernetzungsphase. An diesen Konsortien sind insgesamt 28 Universitätskliniken und mehr als 30 universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen beteiligt. Auch die Industrie hat großes Interesse an einer Einbindung in die Konsortien bekundet - zahlreiche Unternehmen aus den Branchen IT, Medizintechnik und Pharma gaben entspre-chende Absichtserklärungen ab. Es ist bereits jetzt spür-bar, dass sich alle Beteiligten mit viel Engagement einset-zen, um die Sache voranzubringen. Um die absehbaren und notwendigen Konsortien-übergreifende Abstimmungen zu ermöglichen, wurde das Nationale Steuerungsgremium eingesetzt.

Parallel zum Förderkonzept Medizininformatik unterstützt das BMBF die Entwicklung z. B. mit Förderaktivitäten für neue IT-Methoden und Algorithmen.

Big Data-Zentren: In Berlin und in Dresden/Leipzig haben wir im Jahr 2014 zwei interdisziplinäre, wissenschaftorien-tierte Big Data-Zentren etabliert. Sie suchen nach Verfah-ren, um große Datenmengen zu integrieren, in Echtzeit auszuwerten und zu visualisieren. Bis Ende September 2018 investieren wir hier rd. 11,7 Mio. €.

de.NBI: Das Deutsche Netzwerk für Bioinformatik mit sei-nen acht nationalen Leistungszentren und den Ende 2016 hinzugekommenen acht Partner-pProjekten befasst sich mit großen Datenmengen, zum Beispiel aus Genom-Sequenzierungen, und stellt bioinformatische Werkzeuge und Services für die gesamte Wissenschaftsgemeinschaft bereit.

i:DSem: Auf dieses Ziel zahlt auch die Fördermaßnahme „Integrative Datensemantik in der Systemmedizin“ ein, in der vom BMBF acht Verbünde mit insgesamt 20 Mio. € ge-fördert werden. Ihre Ergebnisse sollen u. a. von den geför-derten Datenintegrationszentren genutzt werden.


Neben der Infrastrukturförderung und der Methodenent-wicklung ist die Erforschung neuer Diagnose- und Thera-pieverfahren ein wichtiger, langjähriger Förderschwerpunkt des BMBF. Er wird dynamisch an die sich verändernde di-gitale Welt angepasst. So wurde 2014 ein neuer Schwer-punkt zur Förderung digitaler Therapieansätze ins Leben gerufen. Hierzu gehören z. B. Online-Verfahren, die bei der Behandlung von Depressionserkrankungen Anwendung finden.

e.Med: Mit der Zusammenführung von Informatik, Mathe-matik, Biologie und Medizin im Förderschwerpunkt „Sys-temmedizin“ ist die Hoffnung verbunden, maßgeschneider-te Therapien zur individualisierten Medizin zu entwickeln. Ergebnisse von Demonstrator-Projekten zeigen, das wir auf einem guten Weg befinden!


IV
Meine Damen und Herren!
Mit unserer aktuellen Förderung setzen wir starke Impulse für digitale Innovationen in der Medizin.

Wir denken aber auch bereits in die Zukunft. So haben wir das HTS-Fachforum „Digitalisierung und Gesundheit“ ins Leben gerufen. Hier entwerfen Vertreter aus Wissenschaft, Forschung, Versorgung und Industrie gemeinsam Zu-kunftsszenarien, die „Prävention & Früherkennung“, „Krankheitsbehandlung“ und „Nachsorge und Pflege“ im Jahr 2030 beschreiben. Darauf aufbauend hat das fachfo-rum  Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung formuliert.

In diese Richtung zielt das ebenfalls neu etablierte „Forum Gesundheitsforschung“ ab. Die Mitglieder des Forums be-schäftigen sich intensiv mit Fragen zu Infrastrukturen in den Lebenswissenschaften und der biomedizinischen For-schung.

Meine Damen und Herren! Unsere Impulse können nur dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn Sie als Expertin-nen und Experten aus Kliniken, Arztpraxen, Krankenkas-sen, Verbänden und Unternehmen bereit sind, die Digitali-sierung des Gesundheitssystems und der Gesundheitsfor-schung mitzugestalten. Nur mit Ihrer Expertise, Ihren Erfah-rungen und Ihrem Know-How besteht die Chance, das deutsche Gesundheitswesen mit der biomedizinischen Forschung Schritt für Schritt zu vernetzen und Neues zu erzeugen.

Vielen Dank!