Bescheidübergabe Leo Hugot in Aachen

11.01.2017

Sehr geehrte Magnifizenz, Herr Professor Schmachtenberg,
sehr geehrte Damen und Herren,

viele Einrichtungen verfügen über wissenschaftlich bedeutsame Objekte des kulturellen Erbes. Es sind Objekte mit unterschiedlichsten historischen Bedeu-tungszuschreibungen, die auch als materielle Zeug-nisse soziokultureller Praktiken und Nutzungsverän-derungen einen hohen Informationsgehalt für unsere heutige Gesellschaft besitzen.

Diese sind ein unerschöpflicher Fundus, der sowohl für die geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung als auch für Lehrzwecke eine herausra-gende Relevanz besitzt. Ein Großteil dieser Objekte lagert wenig erschlossen in örtlich verteilten Archiven und Depots und ist für die Forschung bisher nicht zugänglich. Eine inhaltliche Erschließung und Digita-lisierung dieser Objekte ermöglicht aber häufig erst die Entschlüsselung ihrer Relevanz und die tiefere Beforschung und Kontextualisierung dieser Objekte. Dies gilt insbesondere für Nachweise, die sich auf örtlich verteilte Quellen beziehen, wie dies in Ihrem Projekt, NACHHUGOT, der Fall ist.

Mit diesem Projekt planen Sie, Herr Professor Raabe, die virtuelle Rekonstruktion des Nachlasses von Leo Hugot, der für die Erforschung des Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit im Köln-Aachener Raum eine be-deutende Quelle darstellt.

Am 22. Juni 2016 erschien die Förderbekanntma-chung „eHeritage“ des Bundesministeriums für Bil-dung und Forschung. Ziel ist es, relevante Objekte des kulturellen Erbes („cultural heritage“) in größe-rem Umfang zu digitalisieren, zu erschließen und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Voraussetzung zur Förderung ist dabei die Vorlage des wissen-schaftlichen Interesses an einer Digitalisierung der Objekte durch Darlegung einer oder mehrerer geis-teswissenschaftlicher Forschungsfragen.

In der genannten Bekanntmachung wurden zwei För-derlinien adressiert:
• Förderlinie I richtet sich an Einrichtungen, die über den Zugriff auf interessante Quellen für geistes- und sozialwissenschaftliche For-schungsfragen verfügen und für diese auch ein explizites Forschungsinteresse nachweisen können, aber noch kein hinreichend spezifisches Konzept zur Erschließung und Digitalisierung er-arbeitet haben.
• Förderlinie II richtet sich hingegen an Antrags-stellende, deren Digitalisierungsplanung weit gediehen ist, bei denen aber die Mittel erforder-lich sind, um Ihr (forschungsgetriebenes) Digita-lisierungskonzept umzusetzen.
Beiden Förderlinien ist gemeinsam, dass sie die Be-schäftigung mit nicht-textlichen Artefakten stärken sollen. Ein explizit formuliertes Forschungsinteresse ist daher erforderlich.

Neben dem materiellen Aspekt steht zudem die Ver-fügbarmachung, Vernetzung und fachliche Erschlie-ßung der Objekte im Vordergrund der Förderung, um damit neue digitale Forschungsmethoden zu ermög-lichen. Hier haben Sie, Herr Raabe, mit ihrem Team bereits umfassende Vorarbeiten geleistet: Eine ent-sprechende Forschungsplattform (MonArch) wird demnächst digital verfügbar sein, um die Planungen zur Erschließung des Nachlasses von Leo Hugot zu erleichtern.

An diesem Punkt möchte ich außerdem auf anknüp-fende Aktivitäten des BMBF hinweisen. Zwar ist die Bekanntmachung eHeritage sehr jung. Die darin ein-gereichten Projekte haben zum Teil noch gar nicht begonnen. Im größeren Kontext kann das BMBF aber auf einige Erfahrung in diesem Bereich zurückbli-cken:
• Seit 2006 fördert das BMBF Infrastrukturprojekte im Bereich „eHumanities“. Die eHumanities wer-den hier als Summe aller Ansätze verstanden, die durch die Erforschung, Entwicklung und An-wendung moderner Informationstechnologien die Arbeit in den Geisteswissenschaften erleich-tern oder verbessern wollen. Seit 2006 wurden insgesamt 4 Infrastrukturprojekte für die Geis-teswissenschaften mit einem Fördervolumen von über 35 Mio. Euro seitens des BMBF gefördert. Die daraus hervorgegangenen digitalen Infra-strukturen für die Geisteswissenschaften CLA-RIN und DARIAH sind als Datenrepositorien an-gelegt. Sie können Software und wertvolle Bera-tungsfunktionen für spätere Forschungsprojekte anbieten.
• Seit 2011 werden darüber hinaus Forschungs-projekte aus dem Bereich Digital Humanities ge-fördert, welche in einem engen Austausch mit den genannten Infrastrukturen stehen. Ein be-sonderer Fokus wurde hier auf die gemeinsame Arbeit zwischen geistes- oder sozialwissen-schaftlichen Projektteilen und Projektteilen der Informatik gelegt. Es wurden bis zum Jahr 2016:
• 60 Einzelprojekte,
• 6 Zentren und
• 9 Nachwuchsgruppen
• mit insgesamt knapp 47 Mio. Euro gefördert.

Parallel zu diesen – stark auf die Digitalität ausgerich-teten - Projekten fördert das BMBF seit 2012 geistes-wissenschaftliche Projekte, die im Sinne des „materi-al turn“ den Objektbegriff in den Geistes- und Sozial-wissenschaften neu beleuchten und so die Perspek-tive auf Materialität von Kultur im Kontext gesell-schaftlicher Entwicklungen stärken. Hier wird auch die Forschung an und mit Museen einbezogen. Die Förderung erfolgt mit zwei Bekanntmachungen mit verschiedenen Schwerpunkten:
• Mit der Bekanntmachung „Sprache der Objekte“ wurden seit 2012 24 Verbundprojekte mit einem Fördervolumen von bisher 26 Mio. Euro geför-dert. In diesen Projekten wird die uns umgeben-de gegenständliche Welt erforscht, sei es in Mu-seen, Sammlungen oder in der Alltagskultur.
• Mit der Bekanntmachung von 2015 „Allianz für universitäre Sammlungen“ wurden bislang 15 Projekte mit einem Gesamtumfang von 8,9 Mio. Euro gefördert. Ziel dieser Projekte ist die exemplarische Anwendungsdemonstration von Hochschulsammlungen in Forschung und/oder Lehre sowie der Wissenstransfer von Museen in die Hochschulsammlungen hinein und der Auf-bau entsprechender Kooperationen.

Dieser Überblick zeigt, dass sowohl auf der Seite geisteswissenschaftlicher Objektforschung als auch auf der Seite der Erforschung neuer digitaler Metho-den und ihrer Bereitstellung in den entsprechenden Infrastrukturen vielfältige Aktivitäten unternommen werden, um eine Geisteswissenschaft am „Puls der Zeit“ zu betreiben.

Der wichtige Baustein dazwischen – nämlich die ei-gentliche Transformation des kulturellen Erbes in di-gitale Repräsentationen – erfolgt jetzt mit der Förde-rung durch die genannte „eHeritage“ Bekanntma-chung, so dass die Geisteswissenschaften neuen Auftrieb erhalten können. Durch die Digitalisierung wird unser reichhaltiges kulturelles Erbe ortsunge-bunden und im Netz frei verfügbar vorliegen.  Neue Forschungsfragen können adressiert werden.

Auch die kommenden Jahre bleiben spannend: Mit der ersten Förderlinie werden 29 Forschungsprojekte zur Erstellung von Digitalisierungskonzepten geför-dert. Für die Förderung in der zweiten Förderlinie hat die Bewerbungsfrist am 30. September 2016 geendet – auch diese Förderlinie verspricht spannende Pro-jekte.

Mit dem in der Bekanntmachung eHeritage geförder-ten Projekt „NACHHUGOT - Die virtuelle Rekonstruk-tion des Nachlasses von Leo Hugot“ entwickeln Sie, Herr Raabe, seit  Anfang November 2016 ein Digitali-sierungskonzept für den Nachlass des Bauforschers, Architekten, Stadtkonservator und Dombaumeisters Leo Hugot (1925-1982). Durch die besondere Rolle, die Herr Hugot im Raum Aachen eingenommen hat, stellt sein Nachlass mit vielen dreidimensionalen Baufragmenten und Fotos eine besonders interessan-te Quelle für objektbezogene historische Baufor-schung dar. Die Tatsache, dass alle am Projekt Betei-ligten Ihre Zustimmung zu einer Veröffentlichung der resultierenden Daten in Open Access gegeben haben, ist besonders erfreulich und im Einklang mit der seit Oktober geltenden Open Access Richtlinie der BMBF Förderung.

Der enge Bezug des Projekts zum Raum Aachen und dem dortigen antiken, architekturgeschichtlichen Er-be ist auf außergewöhnliche Weise synergetisch und in Hinblick auf die Bedeutung Aachens mit Karl dem Großen als Identitätsstifter Mitteleuropas spannend: Durch die Person Leo Hugot und seinen besonderen Zugang fällt ein neues Licht auch auf die Nachkriegs-zeit in der Region und ihren Umgang mit kulturellem Erbe.