500 Jahre Reformation - Kuratoriumssitzung des Ev. Studienwerks Villigst

12.05.2017

500 Jahre Reformation in Deutschland

Sehr geehrte Damen und Herren,

Im Jahr des großen Reformationsjubiläums gilt es an diesem Ort, hier in Villigst, zu allererst zu erinnern:

Luther und die Reformation haben einen ganz entscheidenden Beitrag für unsere gesamte Bildungs-Kultur und Geschichte geleistet.

1) Mit der vollständigen Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache hat Martin Luther zu seiner Zeit den entscheidenden Grundstein für unsere moderne deutsche Sprache gelegt
2) Die Reformation war eine gesamtgesellschaftliche Bildungsbewegung von universaler Strahlkraft.

Die Reformation hat deutlich gemacht, dass unser persönlicher Glaube und persönliche Bildung untrennbar zusammengehören. Das ist hochaktuell!

Sie hat zu einem neuen Freiheitsbewusstsein geführt.

Das hat daraus ein neues Bildungsethos und ein neues Verständnis von persönlicher Mündigkeit und individueller Freiheit in Glaube und Wissen formuliert.

Dieses evangelische Bildungsverständnis kann uns bis heute wichtige Impulse vermitteln:

Denn es fordert und fördert die Bildungsteilhabe und Bildungsverantwortung jedes Menschen. Und es betont für alle Zeiten die Unverzichtbarkeit der persönlichen Wissens- und Gewissensbildung. Es stärkt die Gewissensbildung.

Diesen Zielen sieht sich unser evangelisches Bildungswerk Villigst, das möchte ich auch als Mitglied im Rat der EKD betonen, ganz besonders verpflichtet!

I. Einstieg

Mit Interesse habe ich die Frühjahrspublikation  von Villigst angeschaut. Darin befindet sich ein Bericht über eine gemeinsame Veranstaltung der religiösen Begabtenförderwerke. Unter dem Titel „Ruhetage“ kamen im letzten Herbst 35 Stipendiatinnen und Stipendiaten von Villigst, Cusanuswerk, ELES und Avicenna zusammen. Gemeinsam haben sie sich über ihre Religionen ausgetauscht. Der Bericht schließt mit Eindrücken von Erkan Binici, Stipendiat des Avicenna-Studienwerks. Hiervon möchte ich gerne den letzten Satz wiedergeben: „Ich habe in diesen Ruhetagen viel über Gott, verschiedene religiöse Traditionen und noch viel mehr über mich selbst gelernt.“

Auch wenn die Überschrift auf der Tagesordnung auf die „wissenschaftliche Aufgabe der Begabtenförderwerke“ abstellt - Es sind gerade solche Eindrücke und Erfahrungen, die die Reichweite der Arbeit der Begabtenförderwerke deutlich machen. Diese geht nämlich weit über eine wissenschaftliche Aufgabe hinaus.

II. Warum unterstützt der Bund überhaupt Begabtenförderung?

Die Bundesregierung hat die Förderinstrumente der Begabtenförderung in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut. Im Jahr 2015 wurden mehr als 56.000 Studierende mit einem Stipendium aus Bundesmitteln gefördert. Die Zahl der geförderten Studierenden hat sich seit 2005 mehr als vervierfacht.  Die Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten entweder ein Stipendium der 13 Begabtenförderungswerke, das Deutschlandstipendium oder das Aufstiegsstipendium für beruflich Gebildete.

Die Mittel für die Begabtenförderwerke wurden seit 2005 verdreifacht: von rund 81 Mio. Euro auf rd. 267 Mio. Euro in diesem Jahr. Die Begabtenförderwerke unterstützen rd. 1 Prozent aller Studierenden mit einem Stipendium. Das bedeutet für das vergangene Jahr: Rd. 28.800 Studierende und rd. 4.000 Promovierende erhielten eine Förderung durch die Begabtenförderwerke.

Das ist eine gewaltige Leistung, die ohne die Anstrengungen der Werke nicht möglich gewesen wäre.

Warum tun wir das? Natürlich ist es gut, junge Menschen bei der Entfaltung ihrer Talente zu unterstützen. Der demokratische Staat ist aber auch auf talentierte junge Menschen angewiesen:
- Unsere Gesellschaft braucht kluge und kreative Köpfe, die die Zukunft unseres Landes gestalten.
- Unser Land braucht gut ausgebildete Fachkräfte und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wenn es auch in Zukunft ideenreich und leistungsfähig bleiben will.
- Wir brauchen engagierte und verantwortungsbewusste junge Menschen, die sich auch für die Belange anderer einsetzen.
Wir fördern Begabung also auch als Verantwortung für Demokratie und Gemeinwohl.

Hierbei leisten die Begabtenförderungswerke einen wichtigen Beitrag. Wir unterstützen inzwischen 13 Begabtenförderungswerke als Ausdruck der gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vielfalt. Sie spiegeln diese Vielfalt nicht nur wider, sie sind auch Ausdruck dafür, dass wir uns dieser Vielfalt zunehmen auch bewusst geworden sind. Die jüngste Erweiterung des Kreises der Förderwerke um das muslimische Avicenna-Studienwerk  ist dafür ein guter Beleg. Von Beginn an habe ich die Entwicklung des Avicenna-Studienwerks unterstüt begleiten dürfen und die ersten Stipendien übergeben. Bei verschiedenen Anlässen habe ich viele enthusiastische und beeindruckende junge Menschen getroffen. Über die gelungene Aufnahme des neuen Werks in die Werkegemeinschaft freue ich mich sehr. Der gemeinsame Austausch unter den vier religiös geprägten Förderwerken und die Zusammenarbeit in gemeinsamen Veranstaltungen sind dabei für mich besonders beeindruckend. Gerade in einer Zeit, in der wir an vielen Stellen über die Bedeutung von Religionen debattieren, ist das von großer Bedeutung.

Wie das eingangs erwähnte Beispiel von Herrn Binici so anschaulich zeigt, bietet die Vielfalt der Werke eine große Chance: Junge Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung mit unterschiedlichen fachlichen und persönlichen Interessen lernen einander kennen, tauschen sich aus, schließen Freundschaften. Sie bekommen die Möglichkeit, eigene Perspektiven zu reflektieren und ihre Persönlichkeit zu festigen. Das ist eine ganz wesentliche Voraussetzung dafür, unsere Zukunft gemeinsam demokratisch gestalten zu können.

Begabtenförderung bedeutet eben nicht nur finanzielle Förderung mit einem Stipendium. Es geht dabei ganz wesentlich auch um Persönlichkeitsbildung durch thematische Auseinandersetzung, durch das Erlernen personaler Kompetenzen, durch Gemeinschaftserfahrung und Aktion. Diese ideelle Förderung ist von unschätzbarem Wert.

Wesentlich für eine staatliche Begabtenförderung ist aber auch, dass nur gesellschaftlich durchlässige Werke gefördert werden. Maßgeblich für die Auswahl von Stipendiatinnen und Stipendiaten müssen Leistung und Engagement sein, nicht die soziale Herkunft oder persönliche Verbindungen.


So verstanden ist die Begabtenförderung Teil eines umfassenden Verständnisses von Bildungsgerechtigkeit. Unser Bildungssystem muss beides bieten: Chancengerechtigkeit und Talentförderung. Für den Bereich der Hochschulen bedeutet das: Der Weg zum Studium darf nicht an materiellen Voraussetzungen scheitern. Hierfür stellen wird das BAföG zur Verfügung.

Übrigens:
An deutschen Hochschulen sind derzeit 2,8 Millionen Studierende eingeschrieben. Das sind 800.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Hierin liegt ein großes Potential, das es bestmöglich zu nutzen gilt.

III. Wissenschaft und Forschung auf höchstem Niveau benötigen exzellente Rahmenbedingungen
Durch das Hineinwachsen in das wissenschaftliche Arbeiten, durch den engen Bezug von Forschung und Lehre ist die Studiensituation in besonderer Weise geeignet, die Grundlage für ein verantwortungsvolles Hinterfragen und tiefgreifendes Verstehen zu schaffen. Dies sind Voraussetzungen, um später angemessen Verantwortung übernehmen zu können. Reflexionsfähigkeit, das Durchdringen komplexer Zusammenhänge, unabhängiges Denken und Fragen sind dabei nur einige der notwendigen Fähigkeiten. Über die bloße Vermittlung von Wissen hinaus soll die Kompetenz erworben werden, Erkenntnis zu suchen, Fragen zu stellen und Antworten zu finden.

Das BMBF leistet gemeinsam mit den Ländern einen substantiellen Beitrag zur Verbesserung der Rahmenbedingungen. Seit 2010 haben Bund und Länder mit dem gemeinsam getragenen „Paket der Pakte“ – der Exzellenzinitiative, dem Hochschulpakt und dem Pakt für Forschung und Innovation – eine nachhaltige Steigerung der finanziellen Mittel für das Hochschul- und Wissenschaftssystem geleistet.

Zu den einzelnen Maßnahmen:
Mit dem Hochschulpakt schaffen Bund und Länder die Voraussetzungen, dass die Hochschulen die gestiegenen Studierendenzahlen bewältigen können. Der Hochschulpakt 2020 bildet quasi den finanziellen Rahmen, um bei steigenden Studierendenzahlen allen ein gutes Studium zu gewährleisten: Dafür stellt der Bund zwischen 2007 und 2023 über 20 Milliarden Euro bereit. Die Länder beteiligen sich mit mehr als 18 Milliarden Euro. Der Hochschulpakt ist ein wichtiges Instrument, um den rein quantitativen Herausforderungen zu begegnen.

Zwei Milliarden Euro stellt der Bund zwischen 2011 und 2020 für den Qualitätspakts Lehre bereit, unterstützt von den Ländern, die die Gesamtfinanzierung sicherstellen. Damit ist der Qualitätspakt Lehre einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik: Zum ersten Mal wird in einem Programm dieser Größenordnung die Hochschullehre in den Mittelpunkt des Handelns gerückt. Ganz zielgerichtet nimmt sich der Qualitätspakt Lehre also den Herausforderungen an, denen die Hochschulen heute gegenüberstehen. Und er gibt damit wichtige Impulse für eine moderne Hochschullehre. Begabungen und Schwächen frühzeitig zu erkennen und gezielt anzugehen, um einen gleichen Standard zu Studienbeginn zu haben.

Mit der Exzellenzstrategie werden wir in Nachfolge der Exzellenzinitiative die Spitzenforschung an den deutschen Universitäten mit einer halben Milliarde Euro jährlich weiterfördern. Zum ersten Mal fördern Bund und Länder dabei insgesamt 11 Exzellenzuniversitäten auf Dauer. Das bedeutet mehr Planungssicherheit, mehr Dauerstellen und auch mehr Zeit zum Forschen, ohne Abhängigkeiten von etwaigen Antragstellungen.

Mehr Planungssicherheit haben auch die großen Wissenschaftsorganisationen erhalten. Mit dem Pakt für Forschung und Innovation hat der Bund dafür gesorgt, dass sich diese auf eine aufwachsende Finanzierung verlassen können.

Seit 2015 entlastet der Bund die Länder durch die volle Finanzierung des BAföG in Höhe von jährlich 1,17 Mrd. Euro, um den Ländern insbesondere mehr Spielraum zur Finanzierung der Hochschulen zu geben.

IV. Beste Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs

Nicht zuletzt zeigt sich die Stärke des deutschen Wissenschaftssystems auch darin, dass der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland sehr gut qualifiziert ist. Promovierte haben hervorragende Karrierechancen.

Wahr ist aber auch: Eine wissenschaftliche Karriere mit dem Ziel der Professur oder einer anderen wissenschaftlichen Leitungsfunktion auf Lebenszeit ist im Gegensatz zu Karrieren außerhalb der Wissenschaft nur bedingt planbar. Hinzu kommt, dass die Entscheidung über den dauerhaften Verbleib an einer Hochschule vergleichsweise spät erfolgt. So lag das durchschnittliche Berufungsalter auf eine W2- bzw. W3-Professur im Jahr 2014 bei 41 bzw. 42 Jahren. Die Zeit davor ist oftmals mit befristeter Beschäftigung verbunden. Es besteht somit Unsicherheit in einem Lebensabschnitt, in dem der Wunsch nach Planbarkeit besonders groß ist, weil für Viele die Entscheidung zur Gründung einer Familie ansteht.

Wenn wir –Politik und Hochschulen – sicherstellen wollen, dass die klügsten und fähigsten Köpfe jeder Wissenschaftsgeneration in der Wissenschaft bleiben, benötigen wir planbare und transparente Karrierewege statt jahrelanger unsicherer Beschäftigung.

Der Bund hat in den vergangenen Jahren hierfür bereits viel getan. Der Ausbau der Kinderbetreuung sowie der Ganztagsschulen sind in diesem Zusammenhang ebenso zu nennen wie die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. In diese Reihe gehört auch das Professorinnenprogramm, das Bund und Länder gemeinsam fortsetzen werden.

Die wichtigste Initiative für mehr Planbarkeit wissenschaftlicher Karrieren ist jedoch das Tenure-Track-Programm von Bund und Ländern. Wir verändern damit entscheidend die Personalstruktur an Universitäten und stoßen einen koordinierten Modernisierungsprozess von universitären Karrierewegen an. Das Programm etabliert die Tenure-Track-Professur als einen international bekannten und akzeptierten Karriereweg in Deutschland zusätzlich zum bestehenden Qualifizierungs- und Berufungssystem. Hierfür stellt der Bund signifikante Mittel bereit: Insgesamt eine Milliarde Euro für 1.000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren, verteilt über eine Laufzeit von 15 Jahren.

Dies stärkt die Position Deutschlands im internationalen Wettbewerb um die besten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler mit anderen Wissenschaftsnationen, die diese Karrierestrukturen teilweise bereits vor vielen Jahren geschaffen haben. Zugleich sorgt der Karriereweg der Tenure-Track-Professur für mehr Planbarkeit und Transparenz – durch klare und verlässliche Zeithorizonte sowie transparente Evaluierungskriterien. Denn spätestens binnen sechs Jahren erfolgt eine qualitätsgesicherte, verbindliche Evaluierungsentscheidung über die Verstetigung der Stelle; zudem werden die Evaluierungskriterien bereits bei Berufung auf die Tenure-Track-Professur verbindlich festgelegt.

Mit einer familienpolitischen Komponente, wie sie an amerikanischen Spitzenuniversitäten seit Langem besteht, wird die Einführung der Tenure-Track-Professur zudem die Chancengerechtigkeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern. Hiernach kann die Tenure-Track-Phase bei Geburt oder Adoption von Kindern um bis zu zwei Jahre verlängert werden, ohne dass Eltern dafür ihre wissenschaftliche Tätigkeit aufgeben müssen. (Mehr Planungssicherheit und eine bessere wirtschaftliche Absicherung werden die Folge sein. )

Ich bin sicher, dass von diesen Maßnahmen auch viele Geförderte der Begabtenförderwerke profitieren werden. Bevor ich zum Ende meiner Ausführungen komme, möchte ich noch ein paar Worte zur Promotionsförderung der Begabtenförderwerke sagen.

V. Promotionsförderung der Begabtenförderwerke

Mit rund 4.000 geförderten Promovierenden im Jahr leisten die 13 Begabtenförderungswerke einen wichtigen Beitrag zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Ich freue mich, dass wir im letzten Jahr den Stipendiensatz für Promovierende auf monatlich 1.350 Euro anheben konnten. Ich sehe darin einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der (finanziellen) Attraktivität der Promotionsförderung der Förderwerke. Die Diskussionen um die Vor- und Nachteile stipendienfinanzierter und stellenfinanzierter Promotionen sind uns allen bekannt. Ebenso die Diskussionen zu Vor- und Nachteilen verschiedener Promotionsformen.  Wichtig ist mir aber an dieser Stelle zu betonen, dass wir die wissenschaftliche Arbeit der Begabtenförderwerke in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sehen und anerkennen.  Wir setzen auch weiterhin auf die Vielfalt der Promotionswege und -formen.

VI. Ausblick
Wir blicken in eine Zukunft, in der uns große Themen herausfordern. Hier nur wenige Beispiele:
Wie schaffen wir es, das Vertrauen in die Stärke unseres demokratischen Systems zu sichern?
Wie gelingt uns Integration noch besser?
Wie sieht die Zukunft der europäischen Union aus?
Hierfür braucht es gut ausgebildeten, mutigen und engagierten Nachwuchs. Menschen, die gelernt haben, über fachliche, religiöse, weltanschauliche und regionale Grenzen hinaus zu denken. Dazu leisten unsere Begabtenförderungswerke einen zentralen Beitrag!

Ich habe am Anfang meiner Rede eine gemeinsame Veranstaltung der religiösen Werke erwähnt. Es geht aber noch größer: Ich freue mich sehr über die im Rahmen des Reformationsjubiläums stattfindende Summer School 2017 , für die Villigst eine so besondere Rolle spielt. Erstmals werden alle 13 Begabtenförderwerke zusammen mit weiteren Partnern aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu einem gemeinsamen Sommercampus zusammenkommen.

• Was braucht der Mensch um glücklich zu sein?
• Sind unterschiedliche Religionen etwas Trennendes oder können sie auch verbinden?
• welche Werte einen uns?

Das Reformationsjubiläum ist ein guter Anlass darüber nachzudenken und zu überlegen, welche Auswirkungen die Reformation noch heute hat. Ein lebendiger Dialog über die Fundamente des Zusammenlebens zu führen

Ich wünsche allen Beteiligten bei der Vorbereitung und Durchführung viel Erfolg, unvergessliche Eindrücke und interessante Begegnungen!