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"Leben im Meer - Marine Biodiversität"


Datum: 18.03.2010

Meine Rede anlässlich des Parlamentarischen Abends "Leben im Meer - Marine Biodiversität" am 18. März 2010 in Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

die meisten Menschen fühlen sich zum Meer hingezogen, verbinden wir doch damit zumeist positive Urlaubserinnerungen. Genau genommen gilt dies aber nur für einen schmalen Küstenstreifen: Denn das dahinter liegende Meer, der Ozean in seiner Tiefe und lebendigen Vielfalt, ist uns keineswegs so vertraut. Von Berlin aus ist das Meer noch einigermaßen gut erreichbar, doch umso besser, wenn das Meer gelegentlich zu uns kommt:

1.  Eindrucksvoll war die bis vor Kurzem im Berliner Museum für Naturkunde zu sehende Ausstellung „Entdeckung der Tiefsee“. Das Naturkundemuseum ist wegen seiner regen Forschungstätigkeit seit gut einem Jahr Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft im Zuständigkeitsbereich der Bundesministerin für Bildung und Forschung. Dort war zu erfahren, dass noch vor 150 Jahren die meisten Wissenschaftler davon ausgingen, dass unterhalb von 600m überhaupt kein Leben möglich ist. Doch durch neue Untersuchungsmethoden und Gerätschaften gelingt es seither immer weiter und genauer, in diesen unbekannten Raum vorzudringen. So bringt, laut Herrn Professor Martinez-Arbizu, Chef des Deutschen Zentrums für Marine Biodiversität bei Senckenberg am Meer „jede Expedition mit dem Forschungsschiff Polarstern [..] tausende neue Arten“ zum Vorschein.

2.  Der heutige Parlamentarische Abend soll uns - in einer für Nicht-Fachleute aufbereiteten Form - Zugang zu einer spannenden, nassen Welt verschaffen. Er soll ihre Vielfalt, ihr Schutzbedürfnis und ihr Potenzial für ihre nachhaltige Nutzung näher bringen. Ich danke den einladenden Organisationen, dem Konsortium Deutsche Meeresforschung und der Senatskommission für Ozeanografie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, für diese Initiative und möchte aus Sicht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung noch einige Gedanken voran stellen, bevor gleich die Wissenschaft zu Wort kommt.

99% des Lebensraumes befinden sich unter Wasser. Doch bis wir die Ozeane und ihre Biodiversität in ihrer Gänze begreifen können, wird noch viel Forschungsarbeit von Nöten sein. So scheinen in der Tiefsee unter anderem auch allgemeine Regeln außer Kraft gesetzt zu sein, da nicht jede Art eine Nische besetzt, sondern ein Fülle von Organismen scheinbar die gleiche Nische der kargen Tiefsee besetzt. Zudem ist noch weitgehend unbekannt, wie Individuen in der Tiefsee in der Lage sind, Nahrung oder ihre Partner zu finden.

Eine rasche Erforschung der marinen Biodiversität ist auch wichtig, da die Zerstörung von Lebensräumen und die dadurch verursachte starke Reduktion der marinen Biodiversität schnell fortschreiten. So ist schon heute ein hoher Anteil der Ökosysteme in stark genutzten Bereichen, z.B. Flussmündungen und küstennahe Meeresgebiete, zerstört. Daher sehen wir die geleistete Arbeit im Rahmen des Census of Marine Life, mit Förderung durch DFG und BMBF, als sehr wichtig an, um die marine Diversität zu erfassen und zu schützen, bevor sie verloren geht.

Wie wichtig die Kenntnis der Systemkomponenten Land, Ozean, Biosphäre, Eismassen und Atmosphäre und ihr Schutz sind, hat das BMBF erkannt und gibt dem Klima- und Ressourcenschutz oberste Priorität im Rahmen seines neuen Programms „Forschung für Nachhaltige Entwicklungen“.

Bundesministerin Prof. Dr. Anette Schavan hat bei der Vorstellung dieses neuen Rahmenprogramms im Februar diesen Jahres darauf hingewiesen, dass Klimawandel und Wasserknappheit, die Bedrohung der biologischen Vielfalt sowie die Versorgung mit Rohstoffen und mit Energie die Menschheit vor Aufgaben von bisher nicht gekanntem Ausmaß stellen.

Das BMBF unterstützt die Forschung bei der Entwicklung geeigneter Strategien und Instrumentarien und stellt dafür mehr als insgesamt 2 Mrd. € bis zum Jahr 2015 bereit. Dieser Beitrag wird nicht nur nationalen Forschungsinteressen dienen, sondern wird maßgeblich die globalen Bemühungen zum Fortbestand der natürlichen Ressourcen unterstützen. Forschung in Deutschland – und das gilt ganz besonders für die deutsche Meeresforschung  - ist immer eine Forschung in internationaler Partnerschaft.

Denn: Die Ozeane liegen im Verantwortungsbereich aller Nationen. Da aber nicht alle Nationen gleichermaßen in der Lage sind nachhaltig zu agieren und dahingehend Forschungsaufgaben zu übernehmen, fördert das BMBF internationale Zusammenarbeit in den nächsten Jahren mit rd. 250 Mio. € innerhalb des genannten Rahmenprogramms „Forschung für nachhaltige Entwicklungen“. Davon profitieren auch die Meereswissenschaften.

Bei der Betrachtung der einzelnen Ziele und der Bereiche der Forschung zur marinen Biodiversität wird jedem bewusst, dass gerade für die Erforschung des Ozeans und seiner Lebewelt hochspezialisierte und kostenintensive Großgeräte und Forschungsschiffe nötig sind. So zum Beispiel sehr geräuscharme Geräte, da Tiefseebewohner durch die wenigen verfügbaren Reize oftmals Nervenzellen sehr offen tragen und eine niedrige Reizschwelle besitzen um die rare Nahrung zu orten oder sich vor Feinden zu schützen. Das BMBF wird in den nächsten Jahren rd. 650 Mio. € investieren um die deutsche Forschungsflotte zu modernisieren und so das Rückgrat der deutschen Meeresforschung sichern. Deutsche Forschungsschiffe genießen international einen ausgezeichneten Ruf aufgrund ihrer Ausstattung aber auch als willkommene Plattform für die internationalen wissenschaftliche Zusammenarbeit. Sie sind ein Botschafter deutscher maritimer Technik und Wissenschaft mit hoher internationaler Sichtbarkeit.

Meine Damen und Herren,

der Verlust von Biodiversität in Folge des Klimawandels wirkt sich zudem in großem Umfang auf den Menschen aus, da somit zum Beispiel Ernährungsketten unterbrochen werden und die Funktions- und Widerstandsfähigkeit der Systeme abnimmt. Nachhaltige Entwicklung und Schutz von Lebensräumen sind in kaum einem Bereich internationaler als bei den Meeren der Erde. Diese erstrecken sich, ungehindert durch Staatsgrenzen, über den Globus und sind für nahezu alle Länder von großer Bedeutung, sei es als Nahrungsquelle, natürliche Grenze oder Transportweg. Deswegen ist Forschung unverzichtbar.

Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen:

1.  Der Bereich der marinen biogenen Wirk- und Werkstoffe könnte bahnbrechende Neuerungen in Bereichen der Biologie, Medizin, Chemie, Pharmazie, Lebensmittelindustrie und diversen Ingenieurfächern liefern. Das Konsortium Deutsche Meeresforschung hat in seiner jüngsten Publikation „Marine Genomik“ genau dieses Forschungsfeld adressiert. Das BMBF unterstütze in diesem Bereich insgesamt
46 Vorhaben mit rd. 22 Mio. Hierbei entdeckte man einen Stoff, der nach biologischen Tests als Wirkstoff gegen Leukämie in Frage kommt.

2.  Ein weiterer Bereich beschäftigt sich aktuell mit der Versauerung der Weltozeane und deren Auswirkung auf die marine Biodiversität. Das BMBF fördert hierzu das große nationale Verbundprojekt BIOACID mit 8,5 Mio. €.

3.Die Meere sind ein sehr interessanter Forschungsbereich, der große Anforderungen an seine Entdecker stellt und seine Geheimnisse nur mit Hilfe modernster Technik offenbart. Dann aber eröffnet er noch ungeahnte Perspektiven und bringt wissenschaftliche Sensationen hervor. Zum Beispiel sei die Entdeckung des, seit 50 Mio. Jahren tot geglaubten, jurassischen Fossils
„Neoglyphea neocaledonica“, zu Deutsch „Krebsgarnele“ genannt, das munter durch die australische Korallensee schwimmt.

Lassen Sie uns die Geheimnisse der Meere entdecken: In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen interessanten Abend.