Rede auf der IPCC 2-Konferenz im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung


Datum: 18.04.2008

Sehr geehrte Damen und Herren,

jeder spricht heute vom Klima. Schaut man sich die Presse an, so ist fast jeden Tag hierzu etwas zu finden. Dass wir es hier mit einem sehr ernst zu nehmenden Thema zu tun haben, zeigte besonders die Publikation des ersten Teils des IPCC-Berichtes im Februar diesen Jahres in dramatischer Weise. Wir befinden uns mitten in einem Klimawandel und - das ist das Besondere - wir können ihn direkt erfahren.
Die zweite Arbeitsgruppe des IPCC hat nun vorletzte Woche am Karfreitag den nächsten Teil des Berichtes verabschiedet und veröffentlicht. Dieser Teil trägt unser derzeitiges Wissen zu den Auswirkungen klimatischer Änderungen, sowohl auf natürliche wie auch bewirtschaftete Systeme, ihrer Verwundbarkeit und ihre Fähigkeit zur Anpassung zusammen, wertet es aus, aber bewertet es auch. Besonders brisant ist hierbei, dass es sich hierbei nicht nur um unser Wissen handelt, was Klimawandel in der Gegenwart an Klimafolgen hervorruft, sondern darüber hinaus was wir unter verschiedenen Szenarien aller Voraussicht nach an Klimafolgen zu erwarten haben. Da diese Ergebnisse so vielfältig sind, wie sie nur sein können, für die verschiedenen Länder und Regionen unterschiedliche Bedeutung und Konsequenzen haben und auch, insbesondere politisch gesehen, unterschiedlich reagiert werden wird, ist es kein Wunder, dass die Verhandlungen in Brüssel sicherlich mit zu den Schwersten gehörten, die IPCC im Laufe seiner Jahre gesehen hat. Ich war selbst nicht dabei, habe mir aber berichten lassen, dass das die Verabschiedung des Berichtes mit sehr zähem Ringen verbunden war. Das Ergebnis kann sich aber durchaus sehen lassen: Die nun vorliegende Zusammenfassung für Entscheidungsträger ist ein Dokument, welches ohne Ausnahme von allen beteiligten Staaten akzeptiert wurde.
Beeindruckend ist die unglaubliche Arbeitsleistung, die hinter der Erstellung eines solchen Berichtes steckt. Nur allein dieser zweite Teil des vierten Sachstandsberichtes hat 20 Kapitel und umfasst 1400 Seiten. Diese Komplettfassung beinhaltet unser Wissen zu den Themen Klimafolgen, Vulnerabilität und Anpassungsmöglichkeiten. Alleine der Leistung, aus diesen 1400 Seiten eine Technische Zusammenfassung, die sogenannte „Technical Summary” und die etwas mehr als 20 Seiten umfassende Zusammenfassung für Entscheidungsträger, die „Summary for Policy Makers” zu extrahieren gebührt hohe Anerkennung. Bei dem letztgenannten Dokument, welches zentrales Thema der Besprechungen in Brüssel war, ist die Art der Darstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse und vor allem deren Bewertung von entscheidender Bedeutung. Anhand der vorliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse muss entschieden werden, ob das Eintreten von bestimmten Klimafolgen mit „wahrscheinlich” oder „sehr wahrscheinlich” zu bewerten ist, usf. Für die Summary for Policy Makers, kurz SPM, wurden im Vorfeld der Sitzung in Brüssel über 1300 schriftliche Kommentare über den sogenannten Government Review eingereicht, an dem auch BMBF beteiligt war. Diese wurden in Brüssel intensiv diskutiert und ggf. auch eingearbeitet, über kleinste Details musste man sich verständigen und einigen.
Was sagt der Bericht?
Dieser zweite Teil des IPCC-Sachstandsberichts rüttelt auf. Ihnen allen liegt die Zusammenfassung für Entscheidungsträger vor, ebenso wie die Kurzdarstellung, die unsere beiden Ministerien über die Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle herausgegeben haben. An dieser Stelle mein ausdrücklicher Dank an alle Beteiligten, dass dies so zeitnah möglich war, auch vor dem Hintergrund, dass das Timing für WG II in der Karwoche nicht optimal war.
Der Bericht zeigt unmissverständlich, dass der Klimawandel nahezu alle Lebensbereiche und Regionen der Erde betreffen wird, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Ein ungebremster Klimawandel hätte ohne Zweifel erhebliche Auswirkungen auf unsere Lebensweise und würde die Existenzgrundlage von Gesellschaften in vielen Ländern massiv gefährden. Wir können uns zwar anpassen, aber möglicherweise wird im Fall de ungebremsten Klimawandels auch unsere Fähigkeit zur Anpassung überstiegen.
Mit einem verstärkten Klimaschutz kann ein solches Szenario verzögert und verringert werden. Auch dies sagt der Bericht. Trotzdem, Klimawandel kann nicht grundsätzlich vermieden werden und wir werden auch Klimafolgen bewältigen müssen, die heute nicht mehr abzuwenden sind.
Auch wenn Unsicherheiten verbleiben, können wir davon ausgehen, dass wir global betrachtet darüber hinaus erhebliche volkswirtschaftliche Kosten von Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen zu tragen haben werden. Diese Kosten werden allerdings deutlich geringer ausfallen als die voraussichtlichen Verluste von Wohlstand und Lebensqualität, insbesondere bei einem unvermindert fortschreitendem Klimawandel.
Der Bericht gibt uns die Möglichkeit, den Rahmen möglicher Konsequenzen abzuschätzen. Die wissenschaftlichen Ergebnisse mahnen, entschlossen zu handeln. Dabei müssen wir beides tun: Wir müssen alles daran setzen, den Klimawandel zu begrenzen. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch auf den Klimawandel einstellen bzw. also anpassen. Hiermit können wir nicht noch Jahre oder gar Jahrzehnte warten. Was wir hier im kommenden Jahrzehnt tun, wird sich als entscheidend dafür erweisen, welche Konsequenzen wir für uns und auch für nachfolgende Generationen akzeptieren.
Die Forschung
Solch eine Bestandsaufnahme wäre nicht möglich ohne die intensiven Forschungsarbeiten internationaler Wissenschaftler, deren Ergebnisse hier zusammengetragen wurden. Auch deutsche Forscher haben sich hier intensiv beteiligt und einen erheblichen Beitrag geleistet. Die Bundesregierung unterstützt die deutsche Klimaforschung in der institutionellen Förderung, in der Projektförderung wie auch in der Bereitstellung von Instrumenten, wie z.B. der Klimarechner in Hamburg. Allein das BMBF gibt für Forschung im Bereich Klima und Umwelt jährlich mehr als 500 Millionen Euro pro Jahr aus. Die Forschung zum Klimawandel des BMBF besteht aus drei Säulen:
die grundlagenorientierte Klimaforschung, um Klima zu verstehen und zu bewerten. Es geht aber auch darum, realistische Entwicklungsvarianten für das Klima, so genannte „Szenarien” und nicht zu verwechseln mit Prognosen, zu beleuchten und die Wirksamkeit von Maßnahmen abzuschätzen. Das BMBF hat hier in den vergangenen Jahren viel investiert, u.a. in das Deutsche Klimaforschungsprogramm DEKLIM,
die Entwicklung innovativer Maßnahmen und Technologien zur Begrenzung von Treibhausgasemissionen, auch Mitigationsmaßnahmen genannt,
und die Entwicklung innovativer Maßnahmen und Technologien zur Anpassung an die bereits heute nicht mehr zu vermeidenden Folgen des Klimawandels, auch Adaptationsstrategien genannt.
Die Bündelung von zugehörigen Fördermaßnahmen erfolgt derzeit im neuen BMBF-Aktionsprogramm „Forschung zum Klimawandel”, welches von der Ministerin vor kurzem angekündigt wurde und derzeit intensiv vorbereitet wird.
Es ist natürlich unerlässlich zu wissen, oder mindestens abschätzen zu können, wie sich unser Klima und seine damit verbundenen Klimafolgen in Zukunft entwickeln werden; andererseits müssen wir noch heute handeln. Wie bereits betont, weist der vorliegende Bericht der Arbeitsgruppe II des IPCC mit äußerstem Nachdruck darauf hin! Noch einmal: wir müssen beides tun, a) zu einem wirksamen Klimaschutz beitragen, aber uns auch b) auf nicht zu vermeidende Klimaänderungen einstellen. Die Antworten liegen hierbei nicht immer unmittelbar auf der Hand. Auch ist nicht alles, was machbar erscheint grundsätzlich auch sinnvoll, wenn man es im komplexen Gefüge des Themas „Umgang mit dem Klimawandel” betrachtet. Forschung und Entwicklung spielen hier eine entscheidende Rolle, um innovative Technologien und Strategien für einen nachhaltigen, zukunftsfähigen Umgang mit dem Klimawandel zu entwerfen. Es ist dabei selbstverständlich, dass die Disziplinen der grundlagenorientierten und der anwendungsorientierten Klimaforschung Hand in Hand gehen müssen. Nur unter Aktivierung des gemeinsamem Know-hows wird es möglich sein, effizienteste Maßnahmen zu entwickeln.
Aktuelle Maßnahmen des BMBF
Erste Maßnahmen im Kontext des Aktionsprogramms „Forschung zum Klimawandel” sind bereits erfolgt.
Laufende Fördermaßnahme: Im Februar diesen Jahres fand in Berlin die Auftaktkonferenz für die Fördermaßnahme „klimazwei - Forschung für den Klimaschutz und Schutz vor Klimawirkungen” statt, mit der diese offiziell gestartet wurde. Mit einem Finanzvolumen von ca. 35. Mio. € über einen Zeitraum von 3 Jahren (2006 - 2009) werden in klimazwei 39 Projekte und Projektverbünden zu den Themen „Mitigation” und „Adaptation” sowie drei Begleitvorhaben gefördert. Die Forschungsergebnisse werden dazu beitragen, dem Bedarf von Unternehmen und Organisationen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik nach Know-how im Umgang mit dem Klimawandel gerecht zu werden. Die Palette der Themen ist weit gespannt. Für weiterführende und aktuelle Informationen über die laufenden Aktivitäten dieser Fördermaßnahme verweise ich auf die Internet-Seite www.klimazwei.de.
Aktuelle Bekanntmachung: Eine aktuelle Aktivität, bei der Sie sich derzeit um Förderung bewerben können, ist die soeben aufgelegte Fördermaßnahme für den Regionalwettbewerb KLIMZUG „Klimawandel in Regionen zukunftsfähig gestalten”. BMBF wird hier insgesamt 75 Mio. € für einen Zeitraum von 5 Jahren zur Verfügung stellen. Die Idee hinter KLIMZUG ist folgende: Eine Anpassung an globale Probleme wie den Klimawandel kann nur auf regionaler oder lokaler Ebene erfolgen. Hierbei spielen zum einen regionale Verwaltungsorgane eine große Rolle, denn sie unterhalten Infrastrukturen, überwachen Planungsabläufe, und entscheiden aber auch über die Umweltpolitik und Umweltvorschriften. Sie sind also entscheidend bei der Umsetzung auf nationaler und regionaler Ebene. Zum anderen hat Klimawandel direkten Einfluss auf kleinere räumliche Einheiten wie Regionen und kann somit auch ein direkter ökonomischer Faktor für diese Regionen und auch viele Unternehmen in den Regionen sein. Mit KLIMZUG möchte das BMBF an dieser Stelle Kompetenzen bündeln, um gemeinsam wirksame Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel zu entwickeln. Mittels einer geeigneten Netzwerkbildung sollen der Klimawandel und seine damit zu erwartenden Veränderungen in regionale Planungs- und Entwicklungsprozesse integriert werden. Ziel ist es, hiermit die Wettbewerbsfähigkeit von Regionen zu erhöhen und die Entwicklung und Nutzung neuer Technologien, Verfahren und Strategien zur Anpassung an Klimawandel voranzutreiben. Die Regionen sollen nicht nur als „Best Practice” Beispiele Impulse für die Entwicklung weiterer Regionen in Deutschland geben, sondern auch über Deutschlands Grenzen hinaus. In diesem Kontext ist es zentraler Bestandteil von KLIMZUG, weltweit Partnerregionen für die Netzwerke einzuwerben. Dies soll die Sichtbarkeit der deutschen Aktivitäten zur Anpassung an den Klimawandel stärken, den internationalen Transfer des im Rahmen von KLIMZUG zu entwickelnden Know-hows gewährleisten, aber auch traditionelles und modernes Know-How der Partnerregionen erschließen. Bewerben können sich deutsche Regionen bzw. regionale Initiativen zusammen mit Partnerregionen, die Strategien und Maßnahmen zur Anpassung an Klimatrends und Extremwetter im Verbund mit regionalen Akteuren entwickeln und umsetzen wollen. Die entstehenden innovativen Netzwerke zu Anpassung an den Klimawandel sollen langfristig tragfähig sein und wettbewerbsfähige Standorte schaffen. Der Bekanntmachungstext ist auf der Homepage des BMBF zu finden.
In Vorbereitung: Das BMBF erweitert das Spektrum für Forschungsaktivitäten und Maßnahmen zum Umgang mit dem Klimawandel ständig. Zentrales Element und wesentliches Gerüst ist hierbei das bereits genannte BMBF-Aktionsprogramm „Forschung zum Klimawandel”. Die nächsten Themen stehen unmittelbar an und sind in intensiver Vorbereitung. Beispiele hierzu sind sektorale Anpassungsstrategien, Energieeffizienz in Ballungszentren der Welt und klimaökonomische Aspekte.
Das BMBF reagiert damit auf Fragestellungen, die sich aufgrund eines unserer drängendsten Probleme ergeben, nämlich den Klimawandel. Zum einen trägt BMBF mit seinen Aktivitäten zur Forschung und Entwicklung von Technologien und Strategien für einen wirksamen Umgang mit den Klimawandel bei. Aktuell gesehen sind sie aber auch unmittelbar Beiträge zu den Antworten auf die neuesten warnenden Ergebnisse aus dem Bericht der zweiten Arbeitsgruppe des IPCC.
Der Klima-Forschungsgipfel
Für den 3. Mai hat Frau Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan hochrangige Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu einem Klima-Forschungsgipfel nach Hamburg eingeladen. Auch wenn Deutschland heute bereits in der Umweltforschung, aber auch bei umweltschonenden Produkten, Dienstleistungen und Verfahren eine weltweit führende Rolle inne hat, gilt es, sowohl die internationale Spitzenposition Deutschlands im Klimaschutz auszubauen, als auch gleichzeitig die mit dem Klimawandel verbundenen Chancen für den Wissenschafts-, Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland zu nutzen. Im Schulterschluss zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sollen über die Erforschung und Entwicklung Klima schonender Technologien Wege für eine klimafreundliche Zukunft aufgezeigt werden. Der Tag soll dazu genutzt werden, mittels eines intensiven Dialogs zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und vor dem Hintergrund der konkreten Folgen des Klimawandels und der gegebenen Klimaschutzziele eine nationale Klimaforschungsstrategie zu diskutieren und zu verabreden.
Klimawandel betrifft uns alle, direkt und indirekt. Daher wird auch Klimaforschung von großem praktischem Nutzen für uns alle sein. Innovative Forschung ist die Voraussetzung zum Aufbau des notwendigen Know-hows, um den Klimawandel zu begrenzen, aber auch, um mit dem unvermeidbaren Klimawandel umzugehen, zur Minimierung von Risiken als auch zur Maximierung von Chancen. Das BMBF nimmt die Herausforderung des Klimawandels an, ob Risiken, ob Chancen. Die Forschungsaufgabe ist dabei noch lange nicht erledigt. Im Gegenteil: in vielen Bereichen, vor allem auf dem Gebiet der Adaptation, hat sie gerade erst begonnen. Ich denke, dass ich in Ihrem Sinne spreche, wenn ich sage, dass sich die deutsche Wissenschaft diesen und kommenden Herausforderungen für einen zukunftsfähigen Umgang mit dem Klimawandel auch weiterhin mit großem Einsatz stellen wird.