Meine Rede anlässlich der 7. Dienstleistungstagung am 3. April 2008 in Berlin
Datum: 03.04.2008
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie ganz herzlich zur 7. Dienstleistungstagung hier in Berlin.
Bereits auf den vorangegangenen Dienstleistungstagungen haben wir uns mit der zunehmenden Bedeutung von Dienstleistungen für Wachstum und Beschäftigung auseinandergesetzt. Der Dienstleistungssektor erwirtschaftet mittlerweile rund 70 Prozent der Bruttowertschöpfung, während auf das produzierende Gewerbe nur etwas mehr als 25 Prozent entfallen.
Auch bei der Beschäftigung haben wir ein ähnliches Bild: Seit 1991 ist der Anteil der Erwerbstätigen, die im Dienstleistungssektor tätig sind, von 59 Prozent auf nahezu 72 Prozent im Jahr 2005 gewachsen. Trotz der hohen volkswirtschaftlichen Bedeutung und des enormen Wachstumspotenzials wurde der Dienstleistungssektor in der öffentlichen Diskussion lange unterschätzt. Das findet nicht zuletzt Ausdruck in der Tatsache, dass Deutschland als Exportweltmeister bei Industrieprodukten nach wie vor eine negative Dienstleistungshandelsbilanz hat.
Mit der 7. Dienstleistungstagung wollen wir den Dienstleistungsbereich als wichtiges Forschungs- und Innovationsfeld in den Blick nehmen, wie es in dem Tagungstitel mit dem Dreiklang „Technologie - Innovation – Dienstleistung“ zum Ausdruck kommt.
Dieser Dreiklang steht einerseits für den fortschreitenden Tertiarisierungsprozess. Wir stellen ihn auch in der deutschen Wirtschaft zunehmend fest, obwohl sie (noch) maßgeblich von der industriellen Produktion geprägt ist.
Andererseits verweist er aber auch auf die Innovationspotenziale, die in der Verbindung von Technologie und Dienstleistungen verborgen sind und in Deutschland bisher nur zaghaft genutzt werden.
Technologie – unsere Stärke
Deutschland ist bekannt für seine hohe Qualität in der Industrieproduktion. Wir sind stark im Bereich der hochwertigen Technologien, insbesondere im Automobil- und Maschinenbau. Dies hat die Expertenkommission für Forschung und Innovation in ihrem Ende Februar vorgelegten Gutachten erneut bestätigt. Wir nehmen international eine führende Stellung bei der Patentierung von Erfindungen und bei der Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse ein. Die industrielle Produktion gehört zu den traditionellen Stärken Deutschlands und begründet Deutschlands Spitzenstellung im Export.
Dennoch bleibt die Frage: Reicht das wirklich aus, wenn wir das Ziel von Lissabon erreichen wollen? Wo liegen bisher nicht erschlossene Potenziale? Wie können wir diese nutzen?
Nicht erst durch das Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation wissen wir: Das global stärkste Wachstum liegt, neben den Branchen der Spitzentechnologie, bei den wissensintensiven Dienstleistungen! Sie haben auch in Deutschland eine wichtige Schlüsselfunktion für Wachstum und Beschäftigung.
Im Unterschied zur Industrie haben die Dienstleistungen seit Mitte der 1990er Jahre positiv zur Beschäftigung beigetragen. Die Beschäftigten in den wissensintensiven Dienstleistungen hatten im Jahr 2006 einen Anteil von knapp 25 Prozent an der Gesamtbeschäftigung der gewerblichen Wirtschaft.
Von 1995 bis 2006 belief sich der Anstieg der geleisteten Arbeitsstunden bei den wissensintensiven Dienstleistungen auf 22 Prozent, bei den übrigen Dienstleistungen auf drei Prozent. Diese Expansion der wissensintensiven Dienstleistungen steht in einem engen Zusammenhang mit der technologischen Produktion:
Unternehmensbezogene bzw. wissensintensive Dienstleistungen erbringen entscheidende Vorleistungen für innovative Produktion. Zugleich werden Dienstleistungen durch ihre Nachfrage nach hochwertiger Technologie auch zum Treiber technologischer Neuerungen.
Dieser Rolle entsprechend sollen wissensintensive Dienstleistungen – so die Empfehlung der Expertengruppe - stärker in den Innovationsprozess einbezogen werden. Es geht also um eine ganzheitliche Betrachtung des Innovationsprozesses die Dienstleistungen und (neue) Technologien gemeinsam in den Blick nimmt.
Innovation – neu denken
Sehr geehrte Damen und Herren,
Deutschland kann beachtliche Innovationserfolge verzeichnen.
Deutsche Außenhandelsüberschüsse werden hauptsächlich auf der Grundlage innovativer, technisch anspruchsvoller Produkte erzielt.
Aber auch andere Länder verstärken ihre Innovationsanstrengungen. Wir befinden uns in einem globalen Innovationswettbewerb. Wenn wir auch in der Zukunft im internationalen Vergleich eine Spitzenstellung einnehmen wollen, müssen wir mit unserer Innovationspolitik gezielt Wachstumspotenziale in Zukunftsmärkten erschließen.
Unsere Innovationen sind bisher überwiegend auf etablierte Industrien ausgerichtet. Das heißt, technologische Innovationen stehen im Vordergrund. Um im Innovationswettbewerb mithalten zu können, müssen wir uns gezielt auch um Dienstleistungsinnovationen kümmern. Das ist nicht ganz einfach. Neuerungen im Dienstleistungsbereich lassen sich nicht mit den aus dem industriellen Bereich bewährten Innovationsprozessen erreichen. Wir brauchen ein besseres Verständnis dieser Innovationsprozesse und ihrer Zusammenhänge mit Produktinnovationen.
Produktbegleitende Dienstleistungen dienen im globalen Wettbewerb zunehmend als Differenzierungsmerkmal, da weltweit produzierte Güter immer geringere Unterschiede aufweisen. Immer häufiger stellen Produzenten die Nutzung ihres Produkts in den Mittelpunkt ihrer Geschäftstätigkeit. An die Stelle des Verkaufs tritt der Einsatz des Produktes beim Kunden.
Das führt zu veränderten Anforderungen an das Produkt. Dem ist bereits im Entwicklungsprozess Rechnung getragen. Ein Hersteller von Pumpen, der diese selbst beim Kunden einsetzen will, wird sein Interesse in besonderem Maße auf die Langlebigkeit und Funktionssicherheit der Pumpen richten. Er wird die Pumpen ggf. modulartig aufbauen, um Teile schneller austauschen und in einer Vielzahl von Pumpentypen einsetzen zu können. Vielleicht integriert er auch Komponenten für die Fernwartung.
Das Beispiel verdeutlicht: Die Entscheidung über das Geschäftsmodell entscheidet gleichzeitig über die Ausgestaltung des Produkts. Die Vermarktung des Produkts über eine Dienstleistung muss bereits in der Entwicklungsphase berücksichtigt werden. Kurzum, es gilt den Innovationsprozess neu zu denken: Technische, organisatorische, soziale und andere Aspekte sind einzubeziehen, damit die Verbindung von Produkt und Dienstleistung auch Gegenstand von Innovationspolitik wird.
Dienstleistungen - Wachstum und Innovationen stärken
Sehr geehrte Damen und Herren,
statistisch betrachtet sind wir längst in der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft angekommen. Wir müssen uns der Diskussion stellen, welche forschungs-, innovations- und bildungspolitischen Schlüsse daraus zu ziehen sind, um den Anschluss im globalen Wettbewerb nicht zu verlieren.
Wir brauchen eine gute Wissensbasis um Hintergründe und Entwicklung des Dienstleistungsbereichs besser zu verstehen. Wissen allein genügt jedoch nicht.
Wir müssen es aktiv zur Gestaltung einsetzen, wenn wir die Potentiale der Dienstleistungsgesellschaft für Deutschland effektiver nutzen wollen. Wissenstransfers und eine enge Kooperation zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, wie sie auch die Hightech-Strategie angelegt hat, sind unverzichtbar. Die Unternehmen müssen den Mut aufbringen, die tiefgreifenden Veränderungen hin zu einer Dienstleistungskultur in der Praxis umzusetzen.
Die Bundesregierung hat diesen Trend erkannt und Querschnittsaktivitäten für Innovationen in der „Hightech-Strategie für Deutschland“ explizit verankert. Dabei kommt dem Ansatz, globale oder übergeordnete gesellschaftliche Probleme als Ausgangspunkt für Forschung und Entwicklung zu wählen, eine wachsende Bedeutung zu.
Dies setzt eine enge Zusammenarbeit zwischen einzelnen Forschungsfeldern voraus. Innovationen entstehen häufig an den Schnittstellen wissenschaftlicher Disziplinen. Das gilt insbesondere auch für die Schnittstellen zwischen technologischer Forschung und Dienstleistungsforschung. Zahlreiche innovative Dienstleistungen, die heute ganz selbstverständlich unser Leben prägen, wie die Internetsuchmaschinen oder das Online-Banking, gehen aus der Verbindung von Technologie und Dienstleistungen hervor.
Bedeutung für die Förderpolitik
Sehr geehrte Damen und Herren,
Dienstleistungen haben eine Schlüsselfunktion in der Wirtschaft, wie auch in der Innovationspolitik. Dieser Schlüsselfunktion der Dienstleistungen wollen wir in der Innovations- und Förderpolitik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung stärkeren Ausdruck verleihen.
Wenn wir also Dienstleistungen und Technologien im Innovationsprozess enger miteinander verbinden wollen, brauchen wir geeignete Instrumente und Maßnahmenbündel, wie sie z.B. im Innovationsfeld Dienstleistungen im Rahmen der Hightech-Strategie angelegt sind.
Drei Bereiche sind mir dabei besonders wichtig:
1.
In dem Innovationsfeld „Dienstleistungen“ der Hightech-Strategie wollen wir für den Standort Deutschland in der Dienstleistungswirtschaft die gleiche Exzellenz erreichen, die ihn in der industriellen Produktion auszeichnet.
Deutschland kann auch exzellente Dienstleistungen vorweisen. Allerdings fällt es hier schwer, die Erfolgsfaktoren exakt zu bestimmen und zu beeinflussen. Eine produktorientierte Innovationspolitik lässt sich nicht ohne Weiteres auf Dienstleistungen übertragen. Daher erfordern Dienstleistungen ein eigenes Forschungsfeld.
Das Programm „Innovationen mit Dienstleistungen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung leistet hier Pionierarbeit. Mit einem Gesamtvolumen von 70 Millionen Euro bis zum Jahr 2011, d.h. jährlich rund 14 Millionen Euro, erforscht es Treiber und Hemmnisse für Erfolg im Dienstleistungssektor. Das Programm konzentriert sich auf Kernthemen der Dienstleistungswirtschaft und entwickelt Methoden und Instrumente zur Optimierung von Prozessabläufen und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Mit den gewonnen Erkenntnissen, wollen wir den Erfolg innovativer Dienstleistungen gestaltbar machen.
Ein herausragendes Beispiel ist das im Rahmen der deutschen Dienstleistungsforschung entwickelte „Service Engineering“, das ingenieurmäßiges systematisches Vorgehen auf die Planung und Entwicklung neuer Dienstleistungen überträgt. Weitere wichtige Ergebnisse haben wir auf den Feldern Export und Internationalisierung von Dienstleistungen und bei der Integration von Produkt und Dienstleistung erzielt. Davon können Sie sich im weiteren Verlauf der Tagung selbst überzeugen.
2.
Den innovationspolitisch neuen Blickwinkel wollen wir verwirklichen mit dem Aktionsplan Dienstleistungen 2020, den ich Ihnen heute in den Grundzügen vorstellen werde.
Zentrales Anliegen des Aktionsplans „Dienstleistungen 2020“ ist die konsequente Verknüpfung technologisch ausgerichteter FuE mit Dienstleistungsforschung.
Ziel ist es, die bisher nicht ausgeschöpften Möglichkeiten zu erschließen, die ein von Anfang an integriert angelegter Innovationsprozess bietet.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung nimmt damit die Empfehlung der Forschungsunion konsequent auf, die Dienstleistungsforschung strukturell in die technologiespezifische Forschungsförderung zu integrieren.
In einem ersten Schritt wurden Wachstumsfelder identifiziert, bei denen die Verknüpfung von fachlichem und technologischem Know How mit Dienstleistungsansätzen besonderen Erfolg versprechen.
Produktinnovationen ohne dienstleistungsbezogene Prozessinnovationen können kaum Wirkung entfalten. Daher sollen mit dem Aktionsplan „Dienstleistungen 2020“ Problemlösungen und nicht einzelne Produkte im Vordergrund stehen. Dazu gehört, dass in einem Schritt mit der Forschung und Entwicklung auch passende Geschäftsmodelle entstehen, die neben kundenorientierten Problemlösungen neue Märkte erschließen können.
Inhaltlich wird der Schwerpunkt bei Konzepten liegen, die neue Technologien durch die integrative FuE und erforderliche Dienstleistungsinfrastrukturen marktgängig machen. Wir werden zudem der Frage nachgehen, wie Dienstleistungen zum Treiber neuer Technologien werden. Gefördert werden auch Konzepte, die durch ganzheitliche Betrachtung von Wertschöpfungsketten Problemlösung für globale und gesellschaftliche Herausforderungen ermöglichen, wie z.B. auf dem Feld des demographischen Wandels oder der Nachhaltigkeit. Dies ist nur ein kurzer Überblick über die zentralen Inhalte. Eine differenzierte Ausgestaltung erfolgt im Rahmen der weiteren Entwicklung und wird als Programm in Kürze veröffentlicht.
Eine erste Pilotmaßnahme im Rahmen des Aktionsplans ist der im Januar diesen Jahres gestartete Wettbewerb „Gesundheitsregionen der Zukunft“.
Mit diesem Wettbewerb sprechen wir ausdrücklich auch Dienstleister an, sich an medizinisch und technologisch orientierten Innovationen im Gesundheitswesen zu beteiligen. Wir erwarten, dass hierdurch neue Geschäftsmodelle und innovative Dienstleistungen die Verbreitung neuer Technologien in einem reglementierten Markt ermöglichen.
Ein weiterer Wettbewerb zum Thema Energieeffiziente Stadt ist für April geplant. Dienstleistungen spielen auch hier eine besondere Rolle. Dies gilt sowohl für geeignete Geschäftsmodelle wie für begleitende Dienstleistungen. Sie werden in dem Wettbewerb deshalb auf unterschiedlichen Ebenen angesprochen.
Der Aktionsplan „Dienstleistungen 2020“ leistet damit einen wesentlichen Beitrag zum Innovationsfeld Dienstleistungen im Rahmen der Hightech Strategie und damit zu einer Innovationspolitik aus einem Guss.
3.
Der dritte wichtige Bereich, den ich ansprechen will, sind die für eine erfolgreiche Dienstleistungswirtschaft erforderlichen Qualifikationen.
Mit der wachsenden Bedeutung des Dienstleistungssektors erhält die Umsetzung von neuen Ideen in Dienstleistungen einen besonderen Stellenwert. Die Kompetenzen und Qualifikationen von Beschäftigten und Führungskräften entscheiden letzten Endes darüber, ob Innovationen erfolgreich sind, d.h. in der Breite auch angenommen und umgesetzt werden. Fachkräftemangel als Innovationshemmnis ist ein Thema, mit dem wir uns verstärkt vor allen Dingen auch im Dienstleistungsbereich befassen müssen.
Gerade wissensintensive und unternehmensbezogene Dienstleistungen stellen besondere Anforderungen an das Wissen und die Kompetenzen der Beschäftigten. Das heißt nicht nur, dass Kunden – und Dienstleistungsorientierung ein wichtiger Bestandteil von Aus- und Weiterbildung in Deutschland werden muss.
Qualifizierung und Kompetenzentwicklung für Innovationen im Dienstleistungssektor werden damit zu einer strategischen Innovationsaufgabe.
Diese Herausforderung, haben wir in verschiedener Weise angenommen: Zum einen mit der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung, die bei unterschiedlichen Feldern ansetzt, um u.a. dem Fachkräftemangel zu begegnen. Spezifisch auf die Dienstleistungswirtschaft zugeschnittene Professionalisierungs- und Qualifizierungsstrategien werden in dem Förderschwerpunkt „Dienstleistungsqualität durch professionelle Arbeit“ in Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis ausgelotet.
In diesen Kontext gehören auch die Empfehlungen der Forschungsunion, passgenaue Qualifikationen, vor allem dienstleistungsspezifische Bausteine für die Weiterbildung zu entwickeln und zu erproben.
Und schließlich gilt es auch im akademischen Bereich hochkarätige Dienstleistungsqualifikationen stärker zu verankern.
Der Nachwuchswettbewerb zur Dienstleistungsforschung leistet hierzu einen Betrag. Es ist bereits gute Tradition geworden, zu den Dienstleistungstagungen einen Preis für Nachwuchswissenschaftler auszuloben. Der exzellente wissenschaftliche Erfolg unserer bisherigen Preisträger spricht für sich.
Meine Damen und Herren,
die Entwicklung und der Export innovativer Dienstleistungen werden einen maßgeblichen Beitrag zur Zukunft und Weiterentwicklung des Standortes Deutschland leisten können und müssen. Die Bundesregierung möchte hier Ihren Beitrag mit den dargestellten Maßnahmen starten.
Ich möchte Sie einladen, auf dieser Tagung und über diese Tagung hinaus den Weg Deutschlands auf einen vorderen Platz auch in der Dienstleistungshandelsbilanz aus Ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen heraus zu inspirieren und zu gestalten.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

