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"Wissenschaft und Wirtschaft im globalen Wettbewerb der Innovotionsgesellschaften: "Wo steht Deutschland und wo wollen wir künftig stehen?"


Datum: 19.04.2007

Ich freue mich, Ihnen heute bei der Berliner Wissenschaftskonferenz 2007 die Grüße von Frau Ministerin Dr. Schavan zu überbringen und zugleich aus Sicht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung einige Gedanken vorzutragen zu der wichtigen Frage, wie wir die besten Köpfe für den Standort Deutschland begeistern können. Neben der Heranbildung eigenen Nachwuchses und der Werbung um ausländische Talente haben wir dabei natürlich jene deutschen jüngeren Forscher/innen im Blick, die ihrer Tätigkeit im Ausland nachgehen. Daher begrüße ich ganz besonders herzlich die deutschen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, die zurzeit in den USA und in Kanada ihren Lebens- und Forschungsschwerpunkt haben und hier an dieser Konferenz teilnehmen. Ich möchte Sie an dieser Stelle direkt ansprechen: Sie gehören zu den international mobilen Wissenschaftlern und stehen damit für eine Entwicklung, die die Bundesregierung ausdrücklich fördern will: die Verbesserung der Internationalität des deutschen wissenschaftlichen Nachwuchses. Ihr Weg hat Sie in die USA geführt, ein - oder vielmehr das - bevorzugte Zielland für Forschungsaufenthalte deutscher Wissenschaftler. Die Bundesregierung unterstützt den internationalen Studien- und Forschungsaufenthalt. Aber wir möchten natürlich, dass dies kein Abschied für immer wird und Sie - reich an Auslandserfahrungen - nach Deutschland zurückkommen.
Wir wollen im Dialog mit Ihnen herausfinden, was zu tun ist, damit möglichst viele von Ihnen nach Deutschland zurückkehren, um ihre wissenschaftliche Laufbahn hier fortzusetzen. Wir wollen Ihnen aber auch darlegen, welche Anstrengungen Wissenschaft und Politik schon unternommen haben, um Deutschland zu einem noch attraktiveren Forschungsstandort zu machen. Unser heutiger Gastgeber, die German Scholars Organization, ist ebenso wie das German Academic International Network GAIN, eine gute Anlaufstelle als Netzwerk und als Auskunfts- und Informationsstelle, um über den aktuellen Stand der Wissenschaftspolitik in Deutschland zu informieren und Möglichkeiten der Wiedereingliederung in das deutsche Wissenschaftssystem aufzuzeigen. Das Förderprogramm „Rückkehr deutscher Wissenschaftler aus dem Ausland” der Krupp-Stiftung trägt wie die Programme von AvH und DAAD hierzu bei. Die Treffen der Scholars, die die Organisationen GAIN mit GSO gemeinsam organisieren, und an dem mein Kollege Staatssekretär Meyer-Krahmer im letzten September in Boston teilgenommen hat, scheinen mir ein guter Weg des Austauschs und der Information zu sein, wie auch diese Konferenz die Chance zum Dialog mit namhaften Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft bietet.

I.

Lassen Sie mich einige Worte sagen zu Deutschland als Innovationsstandort und zu der Frage, was die Bundesregierung dem wissenschaftlichen Nachwuchs bieten kann.

Mittlerweile ist es in Gesellschaft und Politik unstrittig, dass die vermeintlich weichen Themen Bildung, Wissenschaft und Forschung zentrale strategische Bedeutung haben für:
• Fortschritt und Innovation
• Wohlstand, Wachstum und internationale Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland
• Persönliche Entfaltung, Lebenschancen und gesellschaftliche Stabilität
• Internationale Attraktivität Deutschlands für die besten Studierenden, Graduierten und Forscher

Wenn wir auf Dauer international konkurrenzfähig bleiben wollen, dann müssen wir unser gesamtes Wissenschaftssystem auf Exzellenz, Wettbewerb und Innovation ausrichten und an unseren Hochschulen und Forschungseinrichtungen für attraktive und motivierende Arbeitsstrukturen sorgen. Wir müssen ein Umfeld schaffen, das zu schöpferischen Höchstleistungen motiviert.

Die Ausgangsbedingungen in Deutschland sind gut. Deutschlands Stärken sind weltweit anerkannt: Sie liegen in seiner großen politischen Stabilität, seiner leistungsfähigen Infrastruktur und seiner führenden Rolle in Europa. Deutschland ist weltweit die drittgrößte Industrienation und mit seinen technologiestarken Unternehmen seit Jahren Exportweltmeister. Umfragen bei ausländischen Unternehmen zeigen, dass Deutschland ein attraktiver internationaler Standort für Forschung und Innovation ist. Deutschland liegt in der Spitzengruppe der innovationsfreudigen Industriestaaten. Die deutsche Wissenschaft hat international einen hervorragenden Ruf; sie nimmt in einigen Forschungsbereichen wie der Bio- oder Nanotechnologie sogar Spitzenpositionen ein. Zwar haben wir anders als die USA nicht die Spitzenuniversitäten mit Weltruf, allein schon mangels Sponsoring in großem Stil und der beachtlichen Einnahmen aus Studiengebühren. Aber das wissenschaftliche Niveau deutscher Universitäten ist trotzdem exzellent. Deutschland verfügt - und da sind wir den USA nach meiner Einschätzung überlegen - über ein enges Netz an Hochschulen mit guter Breitenausbildung, die Einheit von Forschung und Lehre und eine Tradition der Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Wirtschaft, die in vielen Ländern der Welt als Modell gilt. Außerdem sind - anders als in den USA - Forschungsaktivitäten in Deutschland vielfach bei Max Planck- oder Fraunhofer-Instituten oder bei den Helmholtz-Forschungszentren angesiedelt. Für einen aussagekräftigen Vergleich müssen diese Institute mit einbezogen werden.

Wir wissen, dass der internationale wissenschaftliche Wettbewerb in den vergangenen Jahren enorm zugenommen hat. Alle Industrieländer und zunehmend auch Schwellenländer stehen im Wettbewerb um die kreativsten und brillantesten Köpfe. Gerade in Asien erwächst uns starke Konkurrenz!
Kreativität, Engagement, wissenschaftliche Exzellenz und die Freiheit zur Entfaltung von Talenten - das ist es, was wir in unserem Land in den nächsten Jahren gezielt stärken werden. Deutschland braucht ein besseres Klima für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Und: Wissenschaft kennt keine Grenzen. Wir werden die Internationalisierung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie internationalen Austausch und Netzwerkbildung von Studierenden und Wissenschaftlern konsequent weiter fördern.

II.

Die Bundesregierung hat dieser Zielsetzung mit ihrer Hightech-Strategie höchste Priorität eingeräumt.

Dies wird - quantitativ - deutlich an den Haushaltsausgaben in diesem Bereich: Die Bundesregierung investiert in dieser Legislaturperiode sechs Milliarden Euro zusätzlich in Schlüssel- und Querschnittstechnologien und in Maßnahmen, die den Forschungsstandort Deutschland stärken und für internationale Spitzenkräfte attraktiv machen. Noch nie hat eine Bundesregierung so deutlich auf Forschung und Entwicklung gesetzt. Dies ist unser Beitrag zur Lissabon-Strategie, wonach die Staaten der Europäischen Union bis zum Jahr 2010 drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung aufwenden sollen. Neben Bund und Ländern muss hierzu auch die Wirtschaft ihren Beitrag leisten. Deshalb werden wir den Dialog von Wissenschaft und Wirtschaft so gestalten, dass im Blick auf Investitionen in Forschung und Entwicklung immer mehr strategische Partnerschaften möglich werden.

Sechs Milliarden Euro allein bewirken noch keine Innovationssprünge. Sie sind aber eine notwendige Voraussetzung dafür, dass wirksame Strategien entwickelt werden können. Dieser Mittelzuwachs soll effizient eingesetzt werden: zur Schaffung einer exzellenten, für internationale Eliten und Investoren attraktiven Forschungslandschaft mit Instituten weltweiter Ausstrahlung, die mit international anerkannten Spitzenhochschulen konkurrieren können. Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollen in die Lage versetzt werden, unverwechselbare Profile durch die Qualität ihrer Forschung und Lehre, durch Kooperation mit der Wirtschaft und internationale Vernetzung zu entwickeln.
Dazu gehört auch die Stärkung der Forschungslandschaft in Ostdeutschland, insbesondere durch die Förderung der (sechs) „Zentren für Innovationskompetenz”, in denen Nachwuchsgruppen exzellente Forschung in den Neuen Ländern aufbauen sollen, die auch für internationale Wissenschaftler attraktiv sind.

III.

Die Nachwuchsförderung ist ein Herzstück der Politik des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Diese Schwerpunktsetzung spiegelt sich in allen aktuellen Strategien zur Förderung des Wissenschafts- und Forschungsstandorts Deutschland wider:

• Mit der Förderung von Strategien universitärer Spitzenforschung im Rahmen der Exzellenzinitiative wollen wir die dort geförderten Hochschulen zu internationalen Leuchttürmen machen, die dem wissenschaftlichen Nachwuchs optimale Entfaltungsmöglichkeiten bieten.
• Mit dem Pakt für Forschung und Innovation werden wir die Wettbewerbsfähigkeit der außeruniversitären Forschung durch eine optimale Nutzung aller Potentiale zu steigern versuchen. Auch das kommt dem Nachwuchs in der Wissenschaft zugute.
• Mit dem neuen Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern möchten wir die Hochschulen auf die Herausforderungen der kommenden Jahre vorbereiten, indem wir die Forschung und Lehre stärken.
• Wir suchen den Dialog mit Vertretern der Wissenschaftsorganisationen und Forschungseinrichtungen, um weiteren Handlungsbedarf zu identifizieren und nach kreativen Lösungen zu suchen.

Lassen Sie mich auf diese Schwerpunkte näher eingehen:

Exzellenz erhöht die internationale Sichtbarkeit der Hochschulen. Mit der Exzellenzinitiative haben Bund und Länder einen Wettbewerb zur Förderung von Spitzenuniversitäten gestartet. Konkret geht es bei dem Wettbewerb um drei projektorientierte Förderlinien: Erstens - die Einrichtung von insgesamt 40 Graduiertenschulen an Spitzenuniversitäten für den wissenschaftlichen Nachwuchs, zweitens - die Herausbildung von Exzellenz
clustern - also die Förderung herausragender Zentren mit bestimmten Forschungsdisziplinen; Universitäten sollen hierbei auch mit außeruniversitären Zentren zusammenarbeiten. Für jedes dieser etwa 30 geförderten Netzwerke stehen pro Jahr durchschnittlich 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. Und drittens - die Förderung von „Zukunftskonzepten zu universitärer Spitzenforschung”: mit diesem Programmteil als Krönung soll das Forschungsprofil von bis zu zehn ausgewählten Universitäten weiter gestärkt werden. Bund und Länder investieren bis 2011 insgesamt 1,9 Milliarden Euro, von denen der Bund 75 Prozent trägt.

Im Bereich der außeruniversitären Forschung will die Bundesregierung durch den mit den Ländern verabredeten Pakt für Innovation und Forschung Akzente setzen. Ziel ist es, über mehr Wettbewerb, Kooperation und Vernetzung unter- und miteinander zusätzliche Potenziale der deutschen Forschung zu erschließen. Mit diesem Pakt garantieren Bund und Länder den Forschungs- und Förderorganisationen bis 2010 einen jährlichen Mittelzuwachs von mindestens drei Prozent. Sie erhalten damit Planungssicherheit und ein Plus von rund 150 Millionen Euro pro Jahr, wobei allein der Bund 100 Millionen Euro pro Jahr beisteuert. Im Gegenzug verpflichten sich die Wissenschaftsorganisationen zu mehr Qualität durch mehr Wettbewerb, zu mehr Chancen für risikoreiche Forschungsansätze sowie zu einem Ausbau von Kooperationen mit der Wirtschaft. Darüber hinaus stehen sie im Wort, die Promotions- und Nachwuchsförderung strukturiert weiterzuentwickeln. Um zu überprüfen, ob und in wie weit die Ziele des Pakts erreicht werden, werden wir ein begleitendes Überwachungssystem aufbauen. Gleichzeitig werden Ideen-Konferenzen zu besonders wichtigen Zielen des Paktes organisiert.

In den kommenden Jahren stehen die Hochschulen vor großen Herausforderungen. Angesichts der zu erwartenden - begrüßenswerten - Steigerung der Studenten- und Absolventenzahlen stellt sich die Frage, wie die Hochschulen für diese steigende Zahl offen gehalten werden können und gleichzeitig die Qualität von Forschung und Lehre gewährleistet werden kann. Vor dem Hintergrund der letztes Jahr in Kraft getretenen Föderalismusreform haben Bund und Länder sich auf einen Hochschulpakt geeinigt, wonach Bund und Länder in beidseitiger Verantwortung die Forschungskapazitäten stärken und die Länder die Lehrkapazitäten ausweiten wollen. Zur Förderung der Exzellenz in der Forschung und des Hochschullehrernachwuchses sollen flankierende Maßnahmen ergriffen werden.

Die Arbeit der Alexander von Humboldt-Stiftung und des DAAD zieht sich wie ein roter Faden durch den Bereich der internationalen Nachwuchsförderung. Ihnen kommt neben ihren vielfältigen Förderprogrammen - über ihre Büros und Kontaktstellen im Ausland sowie über ihre Alumni-Netzwerke - ein wichtiger Anteil auch an der Betreuung deutscher Nachwuchswissenschaftler im Ausland zu. In diese Richtung wirkt auch das Mobilitätszentrum der AvH, das über ein Webportal und mit einem Beratungsteam Informationen über Stipendien, Fördermöglichkeiten und Stellenangebote in Deutschland bietet.

Wir denken nach über neue Anreize, die diesen jungen Wissenschaftlern den Rückweg nach Deutschland ebnen können. Wir planen daher, in das Feodor Lynen-Stipendienprogramm der AvH eine sog. Re-Gain-Komponente aufzunehmen, die Stipendiaten die Förderung eines Anschlussforschungsvorhabens in Deutschland ermöglicht mit dem Ziel, ihnen die Wiedereingliederung in die deutsche Wissenschafts-Community zu ermöglichen. Zur Erleichterung der Anknüpfung und Intensivierung wissenschaftlicher Kontakte in Deutschland, auch mit Blick auf eine mögliche Rückkehr, erhalten Wissenschaftler, die im Rahmen des DAAD-Postdoc-Programms gefördert werden, Reisebeihilfen.

Seit einigen Jahren wird der Sofja Kovalevskaja-Preis der AvH vergeben, der mit bis zu 1,2 Millionen Euro dotiert ist und exzellenten Nachwuchskräften den Aufbau einer eigenen Forschergruppe über einen Zeitraum von vier Jahren ermöglichen soll. Dieser Preis richtet sich ausdrücklich auch an deutsche Nachwuchskräfte, die ins Ausland gegangen sind.

Auch über spezielle Fachprogramme ermöglicht es das Bundesministerium für Bildung und Forschung Nachwuchswissenschaftlern, bereits in einer frühen Karrierephase, eigenverantwortlich Spitzenforschung aufzubauen. Im Rahmen der hoch dotierten Nachwuchswettbewerbe „BioFuture” und „NanoFuture” werden junge Wissenschaftler darin unterstützt, eine Nachwuchsgruppe aufzubauen und ein selbst gewähltes Forschungsthema zu bearbeiten.

Reformen brauchen Dialog. Aus diesem Grund tritt das Bundesministerium für Bildung und Forschung in einen kontinuierlichen Dialog sowohl mit den Entscheidungsträgern im deutschen Wissenschaftssystem als auch mit Nachwuchswissenschaftlern. Eine gemeinsame Konferenz von BMBF und DFG im Oktober 2006 in Berlin zum Thema „Karrierewege in Wissenschaft und Forschung” war der Auftakt für eine Reihe von Dialogforen. Der nächste Termin ist eine Konferenz in Stuttgart im kommenden Monat noch während der deutschen Ratspräsidentschaft zu den Karrieremöglichkeiten junger Wissenschaftler an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Bestehender Handlungsbedarf hinsichtlich der Vielfalt, Belastbarkeit und Planbarkeit von Karrierewegen soll nicht über die Köpfe der - betroffenen - jungen Forscher hinweg, sondern mit ihnen gemeinsam diskutiert werden, dazu gehören auch Themen wie attraktive Gehälter und „tenure track”-Modelle. Ich sage es ausdrücklich: Ihre Sicht der Dinge ist gefragt, denn der wissenschaftliche Nachwuchs ist zugleich Fundament und Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems.

Wissenschafts- und Forschungslandschaft werden sich im 21. Jahrhundert verändern. Auch in Deutschland ist vieles in Bewegung geraten. Die Verantwortlichen in Bund, Ländern, Hochschule und Forschung arbeiten daran, den Forschungsstandort Deutschland noch attraktiver zu machen und die Rahmenbedingungen für wissenschaftliches Arbeiten zu verbessern. Ich möchte die deutschen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler jenseits des Atlantiks dazu einladen, diesen Prozess aktiv mit zu gestalten. Ich würde mich freuen, wenn Sie von dieser Konferenz Eindruck mitnehmen, in Deutschland wird eine Wissenschafts- und Forschungslandschaft gestaltet und gefördert, in die sich eine Rückkehr lohnt; ein Wirkungsfeld, in dem spannende Forschung möglich ist.

Ich wünsche Ihnen eine interessante und gewinnbringende Veranstaltung.